An dem Tag, der eigentlich sein Tag werden soll, wirkt Horst Seehofer irgendwie merkwürdig benommen. Weil CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer gerade die Aufmerksamkeit aller Kameras auf sich zieht, als Seehofer am Morgen die Fraktionsebene im Berliner Reichstag betritt, wird der Verbraucherminister zunächst kaum bemerkt. Doch statt schnell in den Saal durchzumarschieren, wo sich die Bundestagsabgeordneten der CSU zur Krisensitzung treffen, bleibt er unentschlossen an der Glastür stehen.

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So viel mediale Missachtung scheint ihm nicht ganz geheuer. Als er dann doch noch entdeckt wird und alle sich auf ihn stürzen, stellt sich heraus, dass er eigentlich gar nichts sagen möchte. Höchstens, "dass er endlich mal wieder ausschlafen" möchte. Das wiederholt er gleich zweimal. Dann beendet Ramsauer das Spektakel. Er hakt Seehofer unter und zieht ihn mit sich weg.

Ist es die Übermüdung, die Seehofer nach zwei langen Nächten, in denen die CSU in unterschiedlichsten Runden ohne Unterlass versucht hat, mit dem Wahldebakel vom Sonntag fertig zu werden, zum Schatten seiner selbst macht? Oder ist er benommen vom Glück? Schließlich haben die Agenturen es bereits am Morgen gemeldet: Seehofer soll neuer Parteichef werden, anstelle des zum Rücktritt gezwungenen Erwin Huber .

Als sich zwei Stunden später die Türen wieder auftun, hat Seehofer seine Normalform wieder gefunden. Nun steht er ruhig und ernst vor den Mikrofonen und verkneift sich jeden Anflug eines strahlenden Siegerlächelns, während neben ihm Peter Ramsauer mitteilt, dass die Landesgruppe Seehofer zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl bestimmt habe. Und dass dies Auswirkungen auf weitere Ämter haben werde.

Eine ernste Miene macht Seehofer auch, als er anschließend seinem gescheiterten Vorgänger Erwin Huber Respekt zollt, dem er vor einem Jahr im Kampf um den Parteivorsitz noch unterlegen war. Man habe sich keine persönlichen Verletzungen zugefügt, sagt er. Deswegen sei er dafür, dass Huber auch weiterhin Verantwortung übernehme. Und nur ein einziges Mal erlaubt er sich einen Hauch jener Ironie, die ihn sonst so kennzeichnet. Als er ankündigt, er werde auf dem Parteitag für das Amt des Vorsitzenden kandidieren, fügt er hinzu: "zum zweiten Mal".

Was man an diesem Tag erlebt, war gewissermaßen der Höhepunkt Seehoferscher Zurückhaltung, einer Tugend, die ihm sonst so gar nicht liegt. Bereits im Wahlkampf hatte er diese Eigenschaft zu neuer Perfektion entwickelt. Mochten andere ob der schlechten Umfragewerte zetern und maulen, Seehofer verkniff sich jedes böse Wort über die amtierende Führung in München. Er war ganz Solidarität und Kampfeswille. Nur ein einziges Mal ließ er erkennen, dass er noch andere Ambitionen hat. Da setzte er die Latte für einen Wahlerfolg auf 52 Prozent hoch. Ein Wert, der am Sonntag kräftig gerissen wurde.