"Stellt Bush unter Arrest. Gier tötet", steht in großen weißen Buchstaben auf ihren schwarzen T-Shirts. Sie verstecken ihr Gesicht hinter weißen Masken und liegen unter dem großen bronzenen Bullen, der einen Steinwurf von der Wall Street entfernt börslichen Optimismus symbolisieren soll. Andere verteilen Aufkleber, auf denen "Bailout is Bullshit" steht.

Die Bilder sind selbst für New York ungewöhnlich: Dort, wo normalerweise gestresste Banker mit Blackberry in der Hand die Straßen entlang hetzen, demonstriert eine Protestgruppe neben der anderen ihren Unmut über das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket, das gerade in Washington beschlossen werden soll. "Der Bailout ist legalisierter Diebstahl", sagt ein Anzugträger, der zufällig auf die Aktionen aufmerksam wird, aber weder seinen Namen noch seinen Arbeitgeber nennen will.

Über 30 Organisationen haben in den vergangenen Tagen an der Wall Street für Unruhe gesorgt - Montag soll es weitergehen. Sie heißen "Code pink - Women for Peace" oder "Campaign for Fresh Air & Clean Politics" oder "Campaign for America's Future", aber auch Amerikas Lehrervereinigung und die Vereinigung der Stahlarbeiter sind dabei. Einige von ihnen sehen das kapitalistische System als überholt und suchen Unterstützer für eine Revolution. Andere fühlen sich von der Politik betrogen und haben Angst, dass sie die Folgen des Rettungsplans noch viel härter treffen wird, als die Mächtigen in Washington beteuern. Die Signale, die aus dem Capitol und dem Weißen Haus kommen, sind nicht gerade beruhigend. Der nächtliche Kollaps der zweitgrößten US-Sparkasse dürfte die Sorgen zusätzlich befeuern.

"Das ist das größte und übelste Pflaster, das jemals geschaffen wurde", schimpft Robert Reich, der unter Präsident Bushs Vorgänger Clinton Arbeitsminister war und nun Barack Obama unterstützt. Noch nicht einmal Bushs eigene Leute sind überzeugt. Der einflussreiche Republikaner im Bankenausschuss des Senats, Richard Shelby, tritt mit einem Brief vor die Kamera. Er kommt von 166 führenden Ökonomen des Landes, darunter auch drei Nobelpreisträger, die sich alle gegen den Plan von Finanzminister Henry Paulson aussprechen. Er könne langfristig negative Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaft haben, deshalb sollte man nun nichts überstürzen, raten sie und überzeugen damit auch Shelby. "Ich glaube nicht, dass das Rettungspaket die wirtschaftlichen Probleme lösen wird", sagt er, bevor er zur Krisensitzung ins Weiße Haus eilt.

Dabei sah vor einer Woche alles noch ganz rosig aus. Republikaner und Demokraten versprachen, konstruktiv und parteiübergreifend zusammenzuarbeiten, um den Gesetzesentwurf schnell durchzuwinken. Doch mit der Einigkeit war es schnell vorbei. Paulsons Plan, wonach er den Banken mit 700 Milliarden Dollar an Steuerzahlergeld faule Kredite abkaufen will, lässt so viel Spielraum, dass es von Tag zu Tag schwerer wird, den größten staatlichen Eingriff in die freie Wirtschaft seit den dreißiger Jahren durchzubringen.