ZEIT ONLINE: Frau Mutter, Sie haben bereits viele Werke zeitgenössischer Komponisten uraufgeführt. Über Sofia Gubaidulinas Konzert In tempus praesens sagen Sie, es habe Sie besonders tief berührt. Was ist daran so außergewöhnlich?

Anne-Sophie Mutter: Jede Uraufführung ist an sich ein herausragender Moment. Als Interpretin kann ich mich in der zeitgenössischen Musik noch stärker einbringen als im traditionellen Repertoire. Ich werde damit auch zu einer Wegbereiterin neuer Spieltraditionen und kann späteren Generationen Zeugnisse meiner Zeit hinterlassen.

Unter den von mir uraufgeführten Werken nimmt In tempus praesens tatsächlich einen speziellen Platz ein. Die Partitur bietet alles, vom verzweifelten Flüstern bis zum markerschütternden Aufschrei. Die Sologeige ist die einzige Geige, im Orchester gibt es nur noch die tiefen Streicher. Einzigartig an der Orchestration ist auch der Gong, der fast die Erde aufbrechen lässt. Diese Musik fährt einem in ihrer emotionalen Dichte ganz tief in die Seele hinein.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die erste Begegnung mit Sofia Gubaidulina erlebt?

Mutter: Ich bewunderte die Komponistin seit Langem, als Künstlerin und als Mensch. Persönlich kennengelernt haben wir uns am Tag der ersten Probe. Es war sehr bewegend, ihr das große Werk vorspielen zu dürfen. Natürlich war das eine enorme Herausforderung. Man fühlt sich niemals so nackt wie in einem solchen Moment. Glücklicherweise fand sie sich in meiner Interpretation wieder.