Bei Anja Hajduk ist vieles richtig und wichtig. "Richtig und wichtig" findet es die Hamburger Umweltsenatorin zum Beispiel, bis heute Nachmittag nur wenig über die schwerste Entscheidung ihrer viermonatigen Amtszeit gesagt zu haben: Die Genehmigung des Steinkohlekraftwerks im Stadtteil Moorburg. Sie trotz strenger Umweltschutzauflagen erteilen zu müssen, sei für die Grüne zwar "mit Enttäuschung behaftet", insgesamt aber – genau: richtig und wichtig. Ebenso wie das, was ihr nach der Pressekonferenz im Hamburger Rathaus bevorstand: heftige Diskussionen mit der Basis.

Denn nur eine Stunde, nachdem Hajduk bekannt gegeben hatte, dass der Energiekonzern Vattenfall seine "Dreckschleuder" weiterbauen darf, die bis zu acht Millionen Tonnen CO2 jährlich in die Luft blasen darf, musste sie sich ihrer Partei stellen. "Das werden richtige und wichtige Diskussionen", beteuerte die Politikerin. Doch dass es hinter verschlossenen Türen am Abend heftig zur Sache gehen würde, war unumstritten. Und so wird das gebrochene Wahlversprechen der Grünen, die in der Hansestadt unter GAL firmieren, zur Zerreißprobe der ersten schwarz-grünen Koalition auf Landesebene. Fast ihre Sollbruchstelle. Die allerdings hat sich die GAL in die Koalitionsverhandlungen mit Bürgermeister Ole von Beust selbst geritzt. Allen voran seine Stellvertreterin Christa Goetsch.

"Wir legen uns fest", hatte die spätere Schulsenatorin im Wahlkampf vollmundig erklärt: "Mit uns wird keine Erlaubnis für das Kraftwerk erteilt." Und weil sie dabei vor einem Plakat mit der Aufschrift "Kohle von Beust" posierte, bläst die Opposition nun zur Attacke: Die GAL sei der CDU "in die Moorburg-Falle hineingetappt", lästerte SPD-Fraktionschef Michael Neumann, während sich die umweltpolitische Sprecherin der Linken fragte, warum die GAL noch in der Regierung sitze und den alten Slogan durch "Kohle von Hajduk" ersetzte.

Das ist natürlich etwas ungerecht, ist die GAL doch eher Opfer als Gestalter schwer beeinflussbarer Realitäten geworden, politisch wie juristisch. Schließlich war es die CDU, die dem Zwei-Milliarden-Euro-Projekt noch kurz vor der Bürgerschaftswahl im Frühjahr grünes Licht gab. Allen ökologischen Bedenken zum Trotz, mehr aber noch ein paar fehlenden emissions- und wasserschutzrechtlichen Genehmigungen. Als Vattenfall im November vorigen Jahres den ersten Spatenstich setzte, schuf der Stromriese somit Fakten, die mit jedem Kubikmeter Beton unumkehrbarer wurden. 300 Millionen Euro wurden bereits verbaut. So etwas nennt man wohl aktive Standortpolitik.

Dass die GAL derlei Ballast durch die Koalitionsverhandlungen schleppte, war ihr erster Fehler und so kommentierte CDU-Chef Michael Freytag den Moorburg-Beschluss auch mit den Worten, nun sei der Koalitionsvertrag "exakt umgesetzt". Auch dass das zuständige Umweltressort auf endlose Verschleppung der Genehmigungen setzte, anstatt politisch weiter Druck zu machen, erwies sich im Nachhinein als falsch. Dass der grüne Juniorpartner jedoch bis heute den Anschein erweckte, es gebe noch Einflussmöglichkeiten aufs Unvermeidbare, könnte sich als fatal erweisen.