Die Antwort ist einfach: Die staatstragenden Volksparteien haben es herbeigerufen. Unfreiwillig, versteht sich. Die christdemokratische ÖVP und die sozialdemokratische SPÖ waren drauf und dran, das Land politisch kaputtzuregieren. In ihrer 2006 gegründeten Großen Koalition arbeiteten sie mit großer Energie gegeneinander. Hauptziel für beide waren das Wohl der eigenen Partei und die Schwächung der Gegenseite. Frei nach dem Motto: Wenn das Land keine Protestparteien hat, schaffen wie sie uns selbst. Das Ergebnis ist beeindruckend: Verlust der Mitte, starke Ränder, geringere Handlungsfähigkeit, geschwächte Demokratie.

Das Phänomen ist nicht unbekannt. Die Populisten rechts und links der Mitte kommen nicht aus dem Nichts. Der Vorlauf zu ihrer Blüte ist, mit unterschiedlicher nationaler Ausprägung, strukturell immer derselbe. Die demokratischen Traditionsparteien regieren routiniert vor sich hin, achten auf Erbhöfe, Privilegien und die eigene Stammklientel. Alles ist gut, die Wirtschaft wächst, und soziale Probleme werden über den Haushalt gelöst, der gute alte Wohlfahrtsstaat wird's schon richten. 

Neue Probleme werden ignoriert, unterschätzt, falsch behandelt: Einkommensentwicklung, Überalterung, neue Bildungsanforderungen, Integration, Arbeitsmarktprobleme oder nicht zuletzt die Unsicherheitsgefühle in der Traditionsbevölkerung. Man braucht nur lange genug zu warten und nichts oder das Falsche zu tun, und der Ärger bricht sich Bahn. Bevor in den Niederlanden der später ermordete Populist Pim Fortuyn seinen kometenhaften Aufstieg begann, war es zu spontanen lokalen Protestturbulenzen gekommen. Der Grund: die dauernden Verspätungen der holländischen Bahn.

Das war natürlich nur der Anlass. Darin bündelte sich der Unmut über alles, was an öffentlichen Dienstleistungen nicht oder mangelhaft funktionierte. Heute, acht Jahre später, ist Holland als repräsentative Demokratie nur noch mühsam regierbar. Christ- und Sozialdemokraten brauchen, um eine Große Koalition zu bilden, eine dritte Partei.

Die Linkspopulisten – ehemalige Maoisten – liegen in den Umfragen vor der Sozialdemokratie, und auf der äußeren Rechten gibt es gleich zwei Bewerber. Die Liste des Ex-Liberalen Geert Wilders – der einsame Kämpfer gegen die Islamisierung der Niederlande und Europas – ist bereits im Parlament, die Ex-Liberale Rita Verdonk, früher als Ministerin für die Immigranten zuständig, ist zurzeit eine Ein-Frau-Partei, rüstet aber für die nächste Wahl. In Umfragen liegt sie ähnlich wie ihr Gesinnungsgenosse Wilders. Die beiden zusammen erinnern an das Austro-Duo Strache-Haider.

"Auch wenn man das nicht mag", sagt der holländische Sozialwissenschaftler René Cuperus von der sozialdemokratischen Wiardi-Beckman-Stiftung, "man muss aber das Problem erkennen und darauf reagieren." Bürgerbeschimpfung als Reaktion hilft nicht.