Ihre Ausrüstung verleiht Lenz und Michael ein martialisches Aussehen. Behelmt und schwer beladen mit Klettergurt, Karabinern, Seilschlingen und allem Übrigen, was für ein mehrtägiges Bergabenteuer notwendig ist, betreten die beiden Cousins die Südterrasse der Rosengartenhütte. Beide sind gerade elf geworden, besuchen dieselbe Schulklasse. Nun wollen sie gemeinsam mit ihren Vätern auf den Rosengarten klettern.

Vom Karerpass ist die Rosengartenhütte auch mit dem Sessellift zu erreichen. Entsprechend ist an einem spätsommerlich milden Septembertag der Teufel los. Rentner sprechen eifrig dem Enzianschnaps zu, Tagesausflügler staunen über die hochalpine Kulisse rundum, genervte Mütter rennen ihren Kleinkindern hinterher, Mobiltelefone klingeln.

Heinz, der Vater von Lenz, will da nicht länger bleiben und drängt zum Aufbruch. Sein Sohn sieht die Sache genauso. Vor allem aber möchte der Elfjährige möglichst schnell seinen nagelneuen "friend" testen: eine Art Eisenkeil, mit dem sich Kletterer in der glatten Felswand sichern. Um für alle Fälle gewappnet zu sein, hat Lenz das Ding schon mal griffbereit wie einen Skalp an seinen Klettergurt gehängt. Der Junge weiß genau, worum es geht. Er war erst acht, als ihn sein "Tata", ein gelernter Bergführer, zum ersten Mal auf eine Kletterfahrt in die Dolomiten mitnahm. Inzwischen hat er schon mehrere Touren im dritten Schwierigkeitsgrad bewältigt.

Sein Cousin Michael ist weniger tatendurstig. Er ist der Einzige in der Gruppe, der noch nie "richtig" klettern war. Denn eigentlich spielt er am liebsten zu Hause mit seinen Geschwistern. Ein wenig Erfahrung hat aber auch er schon gesammelt. Ob die Tour schwierig sei? Womöglich schwieriger als die vom letzten Herbst am Gardasee? Die Erwachsenen winken ab.       

Die Gruppe hangelt sich über einen wuchtigen Schrofenvorbau. Dann geht es zügig weiter, an grauen Kaminen empor, an Pfeilern und Rissen entlang, die sich wie ein Geflecht von Lebensadern durch das gigantische Felsmassiv des Rosengartens ziehen. Noch immer führt der Klettersteig steil in die Höhe. Wenn Michael und Lenz ihren Kopf in den Nacken legen, scheint die Felswand über ihnen direkt in den wolkenlosen Septemberhimmel zu führen. Unter ihnen dehnt sich eine grüne, gewellte Wald- und Wiesenlandschaft aus. Auf den Almweiden rund um den Karerpass - im Winter tummeln sich dort die Skifahrer - grasen glückliche Kühe. Sanftes Glockengeläut dringt zu den Felsakrobaten herauf, ab und zu die Pfiffe von Murmeltieren, die vor ihren Höhlen nach möglichen Feinden Ausschau halten.

Lenz ist froh, dass es nun endlich ernsthaft zur Sache geht. Er setzt vielfach seinen "friend" und alle anderen Kletterutensilien ein, dabei bewegt er sich wie ein Fisch im Wasser. Auch Michael kommt gut voran. Nur den Blick in die Tiefe findet er gewöhnungsbedürftig. Seine Miene entspannt sich merklich, wenn Heinz an den exponiertesten Stellen Varianten entdeckt, die weniger halsbrecherisch anmuten. Von den Bergsteigerkollegen, die sie unterwegs treffen, erntet der Nachwuchs zahlreiche Komplimente. Bei einem Überholmanöver - ein schnaubender, übergewichtiger Italiener sitzt an einer eisernen Trittleiter fest, hantieren Lenz und Michael fachmännisch mit Karabinern und Reepschnüren.

Die Autorität innerhalb der Gruppe ist aber Heinz. Der 48-jährige Bergführer kennt in der Gegend jeden Felsen. Alles, was in Alpinistenkreisen Rang und Namen hat, wurde von ihm über die schwierigsten Routen erklettert. Den Plan für den Familienausflug auf die Rosengartenspitze hat er ausgeheckt. Den "Normalweg" - auf der internationalen Skala wird die Route im zweiten und dritten Schwierigkeitsgrad eingestuft - traute er jedem seiner Schützlinge zu. Das Wetter passt, die Stimmung ebenfalls. Wieselflink turnen Lenz und Michael in immer luftigere Regionen hinauf.