Verkaterte Teenies verjagen mit den gelb-roten Fahnen der Bürgermeister-Kandidatin einen dürren Dosen-Sammler, magere Hunde suchen nach Fressbarem, der Wind wirbelt leere Plastikbecher über den Platz, einem Passanten mit nacktem Oberkörper ragt ein Pistolengriff aus der Tasche seiner Anzughose, als er verschlafen vorbei schlendert. Es ist ein Sonntag Vormittag im September, und alles ist ruhig in der Favela Faz-Quem-Quer. Ney gibt übers Handy das O.K. an die Wahlkampfzentrale durch: Die Kandidatin kann kommen.

Der Wahlkampf in Rio de Janeiro hat seine Eigenheiten: Ein Drittel der mehr als sechs Millionen Einwohner lebt in den Armensiedlungen der Favelas. Wo auf engem Raum besonders viele Stimmen zu holen sind, setzen die kriminellen Machthaber teils mit massiven Drohungen ihre Interessen durch. Um die Sicherheit in gefährdeten Vierteln zu wahren, hat der Gouverneur des Bundesstaates bereits vor Wochen Unterstützung des Militärs angefordert. In den anderen Favelas lassen sich Bürgermeister-Kandidaten gerne von dort ansässigen Parlamentarier-Kandidaten unterstützen. In Faz-Quem-Quer ist das Ney, ein hochgewachsener Schwarzer mit der Energie eines Wasserfalls.

Jandira Feghalis Auftritt beim Volk wird eine atemlose Angelegenheit: Die Kandidatin der kommunistischen Partei – laut Umfragen auf dem dritten Platz – ist eine große Frau mit dunklen Locken. Im Laufschritt eilt sie die schmalen Wege entlang. In den Fenstern zeigen sich neugierige Gesichter. "Die anderen Kandidaten haben sich hier oben nicht blicken lassen", sagt eine junge Frau, "den meisten Politikern sind die Favelas egal." Dutzende Menschen strecken Jandira die Hände entgegen. Wo Ney Stimmenpotenzial vermutet, reißt er Jandira am Ärmel. Dann umarmt die studierte Ärztin schnell ein runzeliges Mütterchen oder einen jungen Kerl und verspricht: "Ich werde die Gesundheitsposten aufrüsten zu kleinen Krankenhäusern! Ich bin Ärztin und Mutter!" Schon zieht Ney wieder am Ärmel. Nächste Umarmung. Laufschritt. Umarmung. Fotostopp. "Meine Mutter benötigt eine OP, wirst du ihr helfen", fragt ein Junge. Jandiras Antwort ist nicht zu hören, sie klettert schon wieder auf ihren Wahlkampf-Jeep, ein bisschen verschwitzt, ein bisschen müde, aber immer noch lächelnd.

Alles bestens, konstatiert Wahlkampf-Koordinator Jorge Barreto. Bislang musste er keinen Ortstermin wegen Unruhen verschieben. Gelegentlich bewaffneten Zivilisten zu begegnen, ist normal: "Wir sehen genauso Waffen wie die Favela-Bewohner in ihrem Alltag". Nur einmal stand ihnen ein kugelsicherer Wagen im Weg, aus dem Gewehrläufe ragten.

Das müssen keine Vertreter der Drogenmafia sein: Seit zwei Jahren übernehmen in immer mehr Armensiedlungen paramilitärische Milizen die Macht – geleitet meist von aktiven und ehemaligen Polizisten, Feuerwehrleuten und Militärs. Sie versprechen den Anwohnern Ruhe und Frieden und unterbinden oft tatsächlich den Drogen-Einzelhandel.

Stattdessen machen sie Umsätze mit Waffenschiebereien, illegalem Transportwesen und Schutzgelderpressung und verbreiten bald eben solchen Terror wie die vertriebene Konkurrenz. 92 der mehr als 700 Favelas in Rio de Janeiro sollen 2007 in der Hand der Milizen gewesen sein. In 73 davon hatten bereits bei den letzten Wahlen solche Gemeinderatsabgeordnete die meisten Stimmen bekommen, die Polizisten, Feuerwehrleute oder Militärs waren.