Dass sich innerhalb von sechs Monaten vieles ändern kann, zeigt an diesem Samstagvormittag Nina Hauer, eine junge sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete aus dem Wetteraukreis. Als Hauer vor einem halben Jahr auf dem Parteitag der hessischen SPD in Hanau sprach, war sie schlank und zornig. Die Netzwerkerin warnte ihren Landesverband damals inständig vor einer Koalition mit der Linkspartei Oskar Lafontaines und flehte beinahe, doch noch einmal ernsthaft das Gespräch mit der CDU zu suchen.

Heute ist Hauer hochschwanger. Als sie heute auf dem Landesparteitag in Rotenburg ans Podium tritt, hält sie ihre Hände beschützend über den gewölbten Bauch. Aber auch sonst hat sich Hauers Auftritt geändert. Sie wütet nicht mehr, sondern sie lobt ihre Partei. Sie stellt sich nicht gegen ihre Vorsitzende Andrea Ypsilanti, sondern sie sagt –  stellvertretend für ihren Parteiflügel –, dass sie nun bereit sei, den "Weg gemeinsam zu gehen".

Zwar mag Hauer die Linkspartei immer noch nicht, die sie wie einige andere Redner konsequent "PDS" nennt. Aber inzwischen, nach einem halben Jahr intensiver Debatte, habe sich in ihrem Landkreis die Stimmung durchgesetzt, es mit dem tabuisierten Links-Bündnis doch zu versuchen. Zumal es nun ein geordnetes Verfahren gebe und klare Kriterien, an denen sich die Linken messen lassen müssen.

Auch Jürgen Walter, Vize-Fraktionschef und Ypsialtis schärfster innerparteilicher Rivale, schwärmt regelrecht von den "innerparteilichen "Demokratie-Prozess", den Ypsilanti im letzten halben Jahr in Gang gesetzt habe, nachdem sie zunächst mit ihrem Vorpreschen in Richtung Rot-Grün-Rot auf die Nase gefallen war. Die vielen Regionalkonferenzen und Parteiratssitzungen seinen "vorbildlich", davon könnten sich "alle anderen Parteien ein Stück abschneiden".

Hoppla, haben sich die rechten Genossen jetzt tatsächlich geschlossen auf Ypsilantis Seite geschlagen? Haben Seeheimer und Netzwerker ihre Grundsätze so fundamental seit Hanau geändert, wo sie noch kategorisch forderten: "Kein Pakt mit den Linken!"

Es ist nicht nur die Zeit, die die Wunden heilte. Ypsilanti hat tatsächlich aus ihren Fehlern gelernt. Sie tingelte durch die Basis, warb um verspieltes Vertrauen, setzte sich mit ihren Kritikern auseinander und band die Parteirechten ein, indem sie klare Kriterien an die Linkspartei formulieren ließ, um sich von der tolerieren zu lassen.
Diese intensive Auseinandersetzung mit ihrer Partei merkt man ihr nun an. Sie hat Ypsilanti gestärkt und verändert. In Rotenburg hält sie, anders als früher, eine kräftige, mitreißende Rede. In Hanau war sie hektisch, getrieben und selbstgerecht. Heute wirkt sie in ihrer knapp einstündigen Rede selbstbewusst und selbstkritisch zugleich, eine Mischung, die durchaus gut ankommt.