In Hessens bürgerlichem Parteienlager ist die Panik ausgebrochen. Am kommenden Montag laden CDU und FDP im hessischen Landtag zur Pressekonferenz. Thema: "Die Auseinandersetzung mit den Linken". Vermutlich werden sie dann, wie in den vergangenen Tagen so häufig, im kulturkämpferischen Duktus vor den "Alt- und Neokommunisten" der Linkspartei warnen. Und somit vor einer Regierungskoalition, die "enteignen und verstaatlichen" wird, die Schulden machen will, die ein gebrochenes Verhältnis zum Rechtsstaat hat und die Geschichte klittert. Auch Hessens noch amtierender Ministerpräsident Roland Koch prophezeit derzeit eifrig in Interviews den Untergang seines Heimatlandes, sollte Rot-Grün-Rot an die Macht kommen.

Momentan sieht es jedoch nicht so aus, als würden CDU und FDP das generische Lager dadurch spalten und verunsichern. Das Gegenteil ist eher der Fall, die Attacken kurz vor dem möglichen Machtwechsel schweißen die Bündnispartner zusammen: "Der Countdown zur Ablösung Roland Kochs hat begonnen", jubelte der SPD-Geschäftsführer Reinhard Kahl nach der Probeabstimmung im Landtag am vergangenen Mittwoch. Alle drei Parteien stimmten hier diszipliniert für Ypsilanti als künftige Ministerpräsidentin. Kahl klang damit ganz ähnlich wie die Linken-Chefin Ulrike Eifler, die frech sagt, dass "Kochs Tage gezählt" seien.

Tatsächlich rückt das oberste gemeinsame Ziel des rot-grün-roten Bündnisses näher. In fünf Wochen, Anfang November, könnte Roland Koch als Landesvater Geschichte sein – und Andrea Ypsilanti zur ersten Ministerpräsidentin Hessens gewählt werden. Und das, obwohl die SPD-Chefin im Frühjahr noch so gut wie gescheitert war, nachdem eine einzelne Abgeordnete, Dagmar Metzger, sich geweigert hatte, sie beim Linkskurs zu unterstützen.

Warum könnte der Tabubruch nach diesem chaotischen Vorlauf nun also doch noch gelingen? Weil Ypsilanti aus ihren Fehlern gelernt und diesmal zumindest ihre Landes-SPD mitgenommen hat. Selbst ihre parteiinternen Gegner loben derzeit ausdrücklich "den breiten Diskussionsprozess", den Ypsilanti initiiert hat, nachdem sie im Februar durch ihr eiliges Vorpreschen fast auf die Nase gefallen war. Diesmal lud sie die Basis zu Regionalkonferenzen ein, auf denen stundenlang über die Koalitionsoptionen diskutiert wurde. Und sie ließ die SPD-Rechten und Netzwerker die Forderungen formulieren, an die sich Linkspartei und Grüne zu halten haben.

Daher ist davon auszugehen, dass der SPD-Parteitag, der am morgigen Samstag in Rotenburg an der Fulda stattfindet, mit breiter Mehrheit für den Eintritt in Koalitionsverhandlungen stimmen wird. Er ist gewissermaßen die vor-vor-letzte Hürde vor dem Machtwechsel: Erhält Ypsilanti in Rotenburg die Zustimmung, beginnen die Koalitionsverhandlungen, über deren Ergebnisse die drei Parteien dann noch einmal auf Parteitagen abstimmen werden. Gibt es auch hier dreimal grünes Licht, kommt die letzte Hürde: die geheime Wahl Ypsilantis im Landtag, bei der es auf jede einzelne Stimme ankommt.

CDU und FDP hoffen, dass spätestens dann das Bündnis implodiert. Fast täglich beschwören sie einen "Simonis-Effekt", anspielend auf die schleswig-holsteinische Regierungschefin, der 2005 ein Heckenschütze aus dem eigenen Koalitionslager die Stimme verweigerte. Und tatsächlich bleibt ein solches Restrisiko bestehen.