Es ist elf Monate her, da hat Franz Müntefering zuletzt vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz gesessen. Das war der Tag, an dem er als Arbeitsminister und Vizekanzler zurückgetreten war, um seine todkranke Frau zu pflegen. Nun sitzt er wieder da. Noch vor fünf Wochen habe er nicht daran gedacht, dass er nun als designierter SPD-Vorsitzender den Journalisten hier noch einmal Rede und Antwort stehen werde. Eher habe er sich im Sommer mit dem Gedanken beschäftigt, "nie wieder für irgendetwas kandidieren" zu müssen, sagt Müntefering, und dies sei ein "schönes Gefühl" gewesen. Aber nun sei es eben anders gekommen.

Die Auszeit hat der 68-Jährige nicht nur genutzt, um über längere Linien der Politik nachzudenken, sondern auch um ein Buch zu schreiben, das wie die anderer führender Sozialdemokraten in diesen Tagen erschienen ist. Es sei "kein Programm für die Partei", sagt Müntefering, sondern "der Versuch, Lust auf Politik zu machen" – auch wenn der Titel, durchaus absichtlich doppeldeutig, "Macht Politik" lautet.

Was soll Franz Müntefering anlässlich der Buchvorstellung auch anderes sagen? Schließlich würde jede andere Einlassung den Eindruck bestärken, er habe zusammen mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier auf den Sturz von Kurt Beck hingearbeitet, um von langer Hand vorbereitet an die Spitze der Partei zurückzukehren. So war es nicht, beteuert er, und wer würde dem alten Fahrensmann eine solche Hinterhältigkeit schon zutrauen?

In jedem Fall aber ist zu spüren, dass Müntefering selbst immer noch reichlich Lust auf Politik hat. Er hält es da mit Hannah Arendt, die einst geschrieben habe, Politik sei "angewandte Liebe zum Leben".

Das Jahr, in dem er zu Hause seine todkranke Frau gepflegt hat, deklariert er flugs zum "Sabbatjahr". Aus dem Tagesgeschäft, das vom Terminkalender diktiert werde, sei er einmal rausgekommen, viel Zeit zum Lesen und Nachdenken habe er gehabt. Doch jetzt ist Franz Müntefering zurück, ein bisschen ist es wie früher. Die kurzen Sätze, die nicht alle neu sind, der trockene Humor und auch sein unerschütterlicher Optimismus. Stärkste Partei zu werden, gibt Müntefering selbstbewusst als Wahlziel für die Bundestagswahl aus.

Vier Wochen sind seit dem legendären Wochenende am Schwielowsee vergangen, seit dem Rücktritt von Kurt Beck. Vor vier Wochen haben Müntefering und Steinmeier die Partei übernommen. Viel hat das neue Führungsduo noch nicht getan, viele Gespräche haben sie geführt und in Bayern ein bisschen Wahlkampf gemacht. Doch angesichts von 18 Prozent dort lässt sich dieser Einsatz noch nicht einmal zum Erfolg umdeuten.

Trotzdem herrscht in der SPD eine neue Geschlossenheit, fast eine Art Aufbruchstimmung. Die Agenda 2010 wurde in die Geschichtsbücher verbannt, und angesichts der Finanzkrise fühlen sich alle Sozialdemokraten flügelübergreifend in ihrer Kritik am Turbokapitalismus bestätigt. Und war es nicht Franz Müntefering, der einstige Agenda-Mann und Lieblingsfeind der Parteilinken, der schon vor zweieinhalb Jahren die  Macht der Heuschrecken kritisiert hatte? Dass sich seit der Niederlage der CSU bei der bayerischen Landtagswahl der Fokus der Medien auf die strukturellen Probleme der anderen großen Volkspartei richtet, tut ein Übriges.