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Es war kurz vor Mitternacht am Sonntag, als die Hypo Real Estate zum zweiten Mal binnen Wochenfrist vor der Pleite gerettet war. Mit neuen Liquiditätskrediten anderer Banken und einer unveränderten Staatsbürgschaft für den in Schieflage geratenen Immobilienfinanzierer war es Peer Steinbrück in letzter Minute gelungen, Schaden vom gesamten deutschen Finanzsystem abzuwenden. Aber aus seiner tiefen Verärgerung machte der Bundesfinanzminister keinen Hehl.

Steinbrück zeigte sich "ziemlich entsetzt" über das unfähige Management, schimpfte über den Versuch der Banken, die Risiken einseitig auf den Steuerzahler abzuwälzen, und kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Und die sitzen, davon ist Steinbrück überzeugt, nicht nur in den Chefetagen der Hypo Real Estate. Schuldzuweisungen an die Politik hingegen wies Steinbrück am Montag wütend zurück. Er bekomme einen "dicken Hals", wenn nun der Politik die ganze Schuld zugeschoben werden solle und Politiker als "Idioten" dargestellt würden, polterte er.

In der Tat ist der Finanzminister alles andere als ein Idiot, der sich von der Krise treiben lässt. Im Gegenteil: Seit zehn Tagen erlebt die Bundesrepublik die größte Bankenrettungsaktion ihrer Geschichte, und in der Krise, so scheint es, läuft Peer Steinbrück zur Höchstform auf. Der häufig als jähzornig, rechthaberisch und arrogant beschriebene Finanzminister profiliert sich als kühler, zupackender Krisenmanager. Er hat früh begriffen, welche Dimensionen die Finanzkrise hat, auch wenn er sie zunächst – zumindest nach außen – als vor allem auf die USA beschränkt darstellte. Er weiß, dass "singuläre Lösungen" zur Stabilisierung der Finanzmärkte nicht ausreichen.

Als studierter Volkswirt und langjähriger Finanzpolitiker in Nordrhein-Westfalen und Berlin ist er zudem ein ausgewiesener Experte. Deutschlands Spitzenbanker begegnen ihm auf Augenhöhe, auch wenn sie dazu zuletzt offenbar gezwungen werden mussten.

Ins Finanzministerium bestellte Peer Steinbrück am Sonntag die Spitzen der deutschen Finanzwelt ein, angeführt von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, und redete Tacheles. Eine Woche zuvor war er noch in die Bankenmetropole Frankfurt geeilt, doch dieses Mal drehte er den Spieß um. Die Banker mussten bei ihm in der Hauptstadt antanzen. Keinen Zweifel wollte der Finanzminister daran aufkommen lassen, dass er sich von den Finanzmanagern, die ihn erst am Samstag per Ad-hoc-Mitteilung von den neuen Milliardenlöchern bei dem Münchner Institut informiert hatten, nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen wollte.

Und während die Banken ihre Kreditlinie schließlich von 15 auf 30 Milliarden Euro verdoppeln mussten, stellte sich Peer Steinbrück in Sachen Staatshilfen stur. Es blieb bei der bereits eine Woche zuvor bereitgestellten Bürgschaft in Höhe von 26 Milliarden Euro, die zunächst den Bundeshaushalt nicht belastet.

Doch die Rettung der Bank ist das eine, das Vertrauen der Bankkunden etwas ganz anderes. Peer Steinbrück ahnte wohl, dass die Kapriolen bei der Hypo Real Estate, die zunächst gescheiterte Rettung und die immer neuen Finanzlöcher die Sparer in Deutschland extrem verunsichern. Deshalb hatte er sich schon vor dem Krisentreffen mit den Bankern zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem historisch einmaligen Schritt entschlossen. Im Kanzleramt traten beide am Sonntag vor die Kameras und erklärten, der Staat garantiert allen Sparern in Deutschland ihre Einlagen auf Spar- und Girokonten sowie in Pfandbriefen. Die Botschaft war eindeutig: Kein Deutscher soll wegen der Finanzkrise um sein Erspartes fürchten müssen.

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Zwar ist diese "politische Erklärung" kaum mehr als Symbolik. Denn weder ist geplant, sie in einen Gesetzestext zu gießen, noch geht in Berlin irgendjemand davon aus, dass diese Garantie je in Anspruch genommen wird. Schließlich gibt es bei den deutschen Banken und Sparkassen das weltweit umfangreichste Einlagensicherungssystem. Und ein Bankencrash, der dieses Sicherungssystem sprengen würde, liegt – bislang jedenfalls – außerhalb jeder politischen und wirtschaftlichen Vorstellungskraft.

Aber Psychologie ist in diesen Tagen wichtig, und der Finanzminister weiß offenbar, wie und wann er die richtigen Signale aussendet. Dabei ist die Finanzkrise nach der Bankenrettung vom Sonntag noch lange nicht ausgestanden. "Hoch gefährlich" nennt Steinbrück die momentane Situation, im Augenblick sei nichts auszuschließen. Man könne lediglich dafür sorgen, "dass nicht andere Dominosteine umfallen".

Als Krisenmanager hat Peer Steinbrück sich also wieder einmal bewährt und gezeigt, dass er eines der politischen Schwergewichte im Bundeskabinett ist. In seiner Partei hingegen ist und bleibt er ein Außenseiter. Dort gilt der stellvertretende SPD-Vorsitzende als spröder Apparatschik und kalter Vollstrecker der umstrittenen Agenda-Politik. Nicht vergessen haben viele Parteilinke, dass er sie im vergangenen Jahr als "Heulsusen" verspottet hatte.

Zudem ist er mit dem Makel behaftet, als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen mit einem unbeholfenen Wahlkampf die Landtagswahl 2005 und damit die Macht im Stammland der Sozialdemokratie verloren zu haben. Das war der Sargnagel für Rot-Grün.

Niemand sprach auch deshalb von ihm, als nach dem Rücktritt von Kurt Beck die Führungspositionen in der SPD neu verteilt wurden. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Steinbrück zum Kanzlerkandidaten zu machen oder gar zum Parteivorsitzenden.

Vielleicht allerdings wird sich die SPD jetzt wieder ihres Finanzministers besinnen. Denn vermutlich muss man ein unterkühlter Wahlkämpfer und spröder Finanzpolitiker sein, um in Krisenzeiten die Nerven zu bewahren und den Überblick zu behalten. Peer Steinbrück ist dies gelungen, obwohl die Lage am Wochenende dramatisch war. Schon vor ein paar Wochen, als die Finanzkrise noch auf der anderen Seite des Atlantiks tobte, hatte Steinbrück nach Gesprächen mit der US-Regierung erklärt, er habe "in den Abgrund" geschaut. Am Sonntag nun stand Deutschland selbst am Abgrund, und Peer Steinbrück sich war dessen durchaus bewusst.