Als vor gut zwei Jahren sein großer Roman Train um einen gleichnamigen schwarzen Golfcaddy in deutscher Übersetzung erschien, war der amerikanische Schriftsteller Pete Dexter hierzulande ein unbeschriebenes Blatt. Sieben Jahre zuvor war sein Roman Schwarz auf Weiss bei Goldmann publiziert worden – zur großen Masse aber drangen die besonderen schreiberischen Qualitäten dieses Autors nicht durch: angefangen bei den messerscharfen Figurenporträts bis hin zu dem erzählerischen Sog, in welchen das Buch seinen Leser Zug um Zug verstrickt.

Und auch der jetzt exquisit neu übersetzte Roman Paris Trout, der bereits Mitte der Neunziger als deutsche Erstausgabe unter dem Titel Tollwütig erschienen war, konnte den ehemaligen Reporter aus Philadelphia nicht berühmter machen. Unbegreiflich. Denn das Buch ist nicht nur finster glimmender Höhepunkt seines Schaffens, sondern die 416 Seiten gehören auch zum Besten, was in den vergangenen Jahrzehnten an Literatur aus den USA zu uns herüberkam. Dexter bekam 1988 dafür den National Book Award, Amerikas höchste literarische Auszeichnung; mit Dennis Hopper, Babara Hershey und Ed Harris wurde der Roman verfilmt.

Paris Trout ist ein düsterer Solitär –  packend und erschütternd; eine Achterbahnfahrt durch die Abgründe der menschlichen Seele, eine Geschichte von Gut und Böse. Im Zentrum steht ein Charakter, dessen Misanthropie hinabreicht bis in die tiefsten Tiefen menschlicher Bosheit. Der Roman erzählt die Geschichte des Geldverleihers und angesehenen Ladenbesitzers Paris Trout. Seine Frau Hanna hält er wie eine Leibeigene; er gibt der verhassten schwarzen Bevölkerung in dem Südstaatennest Cotton Point in Georgia Kleinkredite.

Gelenkt von einem ebenso starrsinnigen wie gefährlichen Menschenbild erhebt er sich gottgleich über all jene Schwarzen, die vor seiner Tür stehen, um sich Geld von ihm zu borgen; Menschen, die unterwürfig Schulden machen, um ihre allerkleinsten Träume zu verwirklichen. So auch Thomas Sayer, der einen Wagen bei ihm kauft, sich jedoch alsbald von Trout, der ihm wissentlich ein defektes Fahrzeug verkauft hat, betrogen fühlt und ihm den Wagen kurzerhand zurückbringt.

Dann kommt es zur Katastrophe: Trout schießt auf Sayers Mutter und deren 14-jährige Tochter Rosie, die wenig später ihren Verletzungen erliegt. Was dann einsetzt, ist die fesselnd entrollte Geschichte eines kaltblütigen Mörders und unbelehrbaren Rassisten, der sich mit allen nur erdenklichen Mitteln seiner Bestrafung zu entziehen sucht. Bis sich zwischen seinem Anwalt, dem Weißen Harry Seagraves, und Trouts Ehefrau Hanna eine Liebesgeschichte entspinnt – und Dexters Meisterwerk seinem Finale entgegengeht.

Gekonnt gelingt es Dexter, Trouts Rassismus in seinem ganzen fatalen Ausmaß bis in seine feinsten Verästelungen hinein auszuloten und darzustellen. Der Roman blendet zurück in das Amerika der Fünfziger und zeigt eine Gesellschaft, in der Diskriminierung auf der Tagesordnung steht, sich jeder Form von Selbsterkenntnis widersetzt. Wie es Dexter dabei vermag, seine unverhohlene Schilderung all dessen in eine Geschichte zu kleiden, ist famos. Die drei Hauptfiguren vergisst man nie wieder.