Ein Jahr nach dem offiziellen Beginn grenzüberschreitender Kampfeinsätze im Nordirak ist die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK dort von einer militärischen Niederlage weit entfernt. Dass sich die PKK am vergangenen Wochenende aber mit Hunderten Kämpfern und schweren Waffen unmittelbar an der Grenze zu einem Angriff auf einen abgelegenen Militärposten sammeln konnte, ist für die türkische Armee und die Öffentlichkeit ein Schock. Der Überfall hat in der Türkei eine Diskussion um die Strategie gegen die PKK losgetreten.

Unterdessen beriet das Parlament in Ankara am Mittwoch über eine Verlängerung des vor einem Jahr erteilten Mandats für grenzüberschreitende Kampfeinsätze der Armee gegen die PKK im Nachbarland Irak. Eine Zustimmung galt als sicher.

Die auch in der EU und den USA als Terrororganisation eingestufte PKK stellte nach dem Überfall eigene Videos auf die international beliebte Internetplattform YouTube, die in der Türkei allerdings gesperrt ist. Die Aufnahmen zeigen Kolonnen grün-uniformierter Männer und Frauen, die mit bepackten Maultieren einen Berg besteigen. Aus der Höhe wird am helllichten Tag der in einem Tal liegende Grenzposten Aktütün unter heftiges Feuer genommen. Ein Gebäude brennt. Mindestens 40 Menschen wurden in dem Gefecht getötet, darunter 17 türkische Soldaten.

Aktütün und vier weitere besonders verwundbare Grenzposten sollen nun verlegt werden. Dies sei nur wegen Geldmangels vorher nicht geschehen, rechtfertigte sich die Armee. Neben der Ausweitung des Mandats für grenzüberschreitende Kampfeinsätze für ein weiteres Jahr, wird nun auch über die Aufstellung einer Spezialeinheit aus bis zu 15.000 Mann beraten. Sie sollen als Berufssoldaten in den Kampf geschickt und für die gefährliche Aufgabe besser besoldet werden. Diskutiert wird auch, eine 40 Kilometer breite Sicherheitszone auf irakischer Seite der Grenze einzurichten.

Die Falken in den Reihen des Militärs rufen zudem danach, für den von Kurden besiedelten Südosten der Türkei wieder mehr Befugnisse nach dem Notstandsrecht zu bekommen. Sie wollen freiere Hand bei Haussuchungen, Razzien, Festnahmen und der Vernehmung von Verdächtigen. Die Regierung tritt aber auf die Bremse.

"Die Türkei ist nicht in einer Lage, wo zwischen Sicherheit und Freiheiten entschieden werden müsste", sagte Justizminister Ali Sahin in einer Reaktion auf den PKK-Überfall. Auch Menschenrechtsgruppen melden Bedenken an. Die regierungsnahe Tageszeitung Zaman zitiert den pensionierten Militär-Staatsanwalt Ümit Kardas, der das Militär als Teil des Problems sieht. Schon jetzt seien die Machtbefugnisse zu groß. "Das eigentliche Problem ist, dass die Politik die Angelegenheit dem Militär überlassen habe", sagt Kardas.