Liest man Christopher Kloebles Texte, stellt man ihn sich als einen morbiden Menschen vor. Der Tod hat einen festen Platz in seinen Geschichten: Ein Mann versteckt einen Anrufbeantworter im Sarg seiner Mutter und verbringt seine Tage damit, sie anzurufen. Ein Mädchen sitzt im Riesenrad und betet zu seinen verstorbenen Eltern.

Spricht man mit Christopher Kloeble, klingt er alles andere als morbide. Er ist aufgedreht, spricht schnell, ein wenig atemlos ins Telefon. Sein Romandebüt ist gerade mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet worden, nun stellt er es auf der Frankfurter Buchmesse vor. Unter Einzelgängern handelt von einer Familie, die zu zerfallen droht nach dem Tod der Mutter.

So richtig erklären könne er sich nicht, woher seine Faszination für den Tod komme, sagt Kloeble. "Ich war erst einmal in meinem Leben auf einer Beerdigung - bei meiner Großmutter. Aber ich merke, dass mich das Thema sehr fasziniert. Vielleicht, weil der Tod im normalen Leben so selten thematisiert wird. Man drückt ihn aus dem Alltag heraus."

Der Roman beginnt mit den Sterbeminuten der Mutter. Die Einkäufe für das Familientreffen noch in der Hand, stürzt sie im Flur. Ein Haushaltsunfall, wie albern, schießt ihr durch den zertrümmerten Schädel, dann schwebt nur noch eine Wollmaus ein paar Sekunden lang über ihr Gesicht und flüstert ihr letzte, unangenehme Wahrheiten ins Ohr.

Mit dieser ersten Szene packt Kloeble seinen Leser und führt ihn in das Seelenleben einer Familie, die reich ist an verdrängten Konflikten. Die werden nach dem Ableben der Mutter zunächst noch tiefer vergraben, bis sie nach und nach an die Oberfläche drängen. Der Vater quält sich mit einem irrwitzigen Fitnessprogramm, die Tochter hält an einer selbstzerstörerischen Affäre fest, und dem Sohn, einem Literaturstudenten, fehlen auf einmal die Worte.

Bei jedem Roman stellt sich die Frage, inwiefern die eigene Biografie Teil der Geschichte wird. In seinem Buch liefert Kloeble die Antwort gleich mit. "Es geht um das Spiel mit der Wirklichkeit", sagt der Absolvent des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. "Es gibt eine Rahmen- und eine Binnenerzählung. In der ersten schildern die Familienmitglieder ihre eigene Geschichte, in der zweiten schreibt Simon, der Sohn, seine fiktive."

Durch diese doppelte Ebene unterscheidet sich Unter Einzelgängern von einem klassischen Familienroman. Immer häufiger kreuzen sich Simons Aufzeichnung mit den Lebensbeichten der anderen Familienmitglieder. Der Sohn Simon erzählt, wie sich seine Schwester am Herd verbrennt und seitdem Narben an den Oberschenkeln trägt, der Autor Simon entdeckt Brandnarben an anderer Stelle wieder: auf dem Körper seiner Geliebten Miriam. Und dann gibt es noch ein Geheimnis: Wie ist Hannes gestorben, das dritte, totgeschwiegene Kind der Familie?

Im Verlauf des Buches fragt man sich zusehends: Was ist Realität und was Fiktion? Diese Zweideutigkeit macht Kloebles Debüt spannend, obwohl seine Geschichte auch ohne diesen Kunstgriff ein packendes Familienporträt geworden wäre.

Was auffällt, ist das dramaturgische Zusammenspiel der einzelnen Charaktere, das fast wie bei einem Theaterstück wirkt. Tatsächlich schreibt Kloeble auch für die Bühne, seine Stücke wurden schon auf Werkstatttagen der Münchner Kammerspiele und des Wiener Burgtheaters aufgeführt. Die lange Liste von Workshops, Drehbuchklassen, Hörbuchseminaren und Schreibwettbewerben auf Kloebles Homepage zeigt, mit welcher Neugier und Begeisterung der Autor an alle Arten des Schreibens herangeht. Der Kontrast zwischen den verschiedenen Formen des Schreibens, sagt er, verschaffe ihm immer wieder den nötigen Abstand zu seinen Texten.

Zu den ersten Schreibversuchen habe ihn sein Vater animiert, erzählt Kloeble: "Als Kind haben wir häufig zusammen Filme angeschaut", erzählt er, "und wenn mir das Ende nicht gefiel, sagte er: Dann schreib halt selbst eine Geschichte." Das tat Kloeble dann auch.
Er habe sicher nicht die "unglückliche Kindheit" gehabt, die man laut Hemingway braucht, um ein guter Schriftsteller zu werden, sagt er. Aber das Gefühl des Außenseiters, das er als Sänger im Tölzer Knabenchor als "eine Art Internatsdasein" erlebte, ist ihm vertraut. Dieser kleine Junge, etwas übergewichtig, von den Kameraden veräppelt, schimmert auch immer wieder zwischen den Zeilen seines Romans durch. Wenn er von der Verletzlichkeit der Menschen spricht, den kleinen Rissen in der Oberfläche, die sie so gerne glattstreichen wollen.

Heute ist Kloeble kaum noch Außenseiter: Er kann sich vor Anfragen kaum retten. In der nächsten Zeit wird der 26-Jährige mit der Buchmesse, Interviews und Lesungen beschäftigt sein. Gleichzeitig arbeitet er am Drehbuch für einen Fernsehfilm und hat noch verschiedene weitere Buchprojekte in Planung.

"Ich weiß, dass ich schreiben muss", sagt Kloeble. Vielleicht passt zu diesem Schaffensdrang auch die Aussage, mit der er seine Faszination für das Sterben erklärt: "Wir können uns viel vorstellen, nur nicht, dass etwas endlich ist."

Seine Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse dokumentiert Christopher Kloeble exklusiv auf ZEIT ONLINE – zu lesen ab 18. Oktober