ZEIT ONLINE: Wenn man sich kennenlernt, fragen die Leute häufig: "Und, was machst Du so?" Wie waren die Reaktionen, wenn Sie gesagt haben: "Ich schreibe einen Roman"?

Benedict Wells: Den Schriftsteller nimmt einem keiner ab, wenn man erst 21 ist. Besonders die Mädels nicht. Das war viele Jahre lang eine blöde Situation für mich. Ich wurde natürlich immer gefragt: Und – kann man schon was lesen? Und musste dann antworten: Nee, noch nicht. Hinzu kam, dass zwei Freunde von mir auch vorhatten, einen Roman zu schreiben. Das hat dann erst recht niemand mehr geglaubt.

ZEIT ONLINE: Mit 23 Jahren sind Sie jetzt der jüngste Schriftsteller, der bei Diogenes Verlag unter Vertrag steht. Haben Sie das Gefühl, es "geschafft" zu haben?

Wells: Irgendwie schon. Das klingt jetzt zwar nach Klischee, aber es war immer mein Traum, bei Diogenes ein Buch zu veröffentlichen. Ich habe die Bücher schon als Kind gelesen. Manchmal fahre ich zum Verlag und denke: Das kann doch alles nicht sein. Aber wenn ich an die letzten fünf Jahre denke, fühle ich fühle mich nur halb so schuldig. Ich habe Becks letzter Sommer in einer Bruchbude geschrieben, die den Namen Wohnung nicht verdient. Wenn ich die Bilder von damals herumzeige, lachen alle. Dusche in der Küche, kein Strom in der Toilette, keine Heizung. Das war hart, aber irgendwann hatte ich mich damit arrangiert, weil ich dachte: Du bist Schriftsteller, das muss so sein.

ZEIT ONLINE: Während Ihre Mitschüler nach dem Abi studierten, haben Sie Ihren Traum verfolgt. Waren Sie mutiger als die anderen?

Wells: Ich würde nie sagen, die anderen seien feige - wenn sie denn machen, was ihnen gefällt. Aber viele meiner Freunde haben sofort nach dem Abi angefangen zu studieren. Aus Sicherheitsgründen. Obwohl sie eigentlich viel lieber erstmal reisen wollten. Dabei hat man mit Anfang 20 doch noch alle Zeit der Welt. Heute weinen sie dieser verpassten Gelegenheit hinterher. 

ZEIT ONLINE: Hatten Sie nie Selbstzweifel?

Wells: Meine Gefühle wechselten ständig zwischen zwei Extremen: "Ich habe Angst" und "Ich weiß, dass ich es schaffe!" Besonders schlecht ging es mir, wenn wieder eine E-Mail kam mit den Worten: "Es tut uns leid." Noch schlimmer war: "Mach doch was anderes mit deinem Leben." Da fehlte mir dann erst mal die Luft zum Atmen. Danach konnte ich mich nicht gleich wieder an den Roman setzen und weiterschreiben. Aber ich hatte ein Urvertrauen. Ich wollte nicht ein Leben leben, in dem ich nicht schreibe. 

ZEIT ONLINE: In Ihrem Roman Becks letzter Sommer schicken Sie Ihre Figuren auf eine Fahrt durch Osteuropa nach Istanbul. Haben Sie diese Auto-Tour selbst gemacht?

Wells: Ja, notgedrungen. Da ich Flugangst habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als solche Reisen mit dem Auto zu machen. Für das Buch, an dem ich momentan schreibe, wollte ich unbedingt New York sehen, weil einige Szenen dort spielen. Da musste ich auf einem Kreuzfahrtschiff einchecken.