Es ist eine historische Stunde des Parlamentes, und das ist den Bundestagsabgeordneten an diesem Mittwoch im Plenum des Hohen Hauses durchaus bewusst. Zu einer Sondersitzung sind sie zusammengekommen, die Bundeskanzlerin hat eine Regierungserklärung angekündigt. Es ist die zweite innerhalb einer Woche. Allein das zeigt die Dramatik der Lage. Sie lässt Angela Merkel von der "schwersten Bewährungsprobe" der Weltwirtschaft seit den zwanziger Jahren sprechen.

Doch es ist zugleich auch eine Bewährungsprobe für die Demokratie. Es ist Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der noch vor dem Beginn der Debatte in einer ungewöhnlichen Intervention darauf hinweist. Der Hausherr nimmt sich das Recht zu einer Äußerung außerhalb der Geschäftsordnung. Er spricht von der "besonderen Herausforderung", vor die das Parlament gestellt sei, von einem "eindrucksvollen Beleg für die Handlungsfähigkeit der Demokratie", und versichert, das Parlament werde seine "Kontrollrechte nicht aufgeben".

Vor einer besonderen Herausforderung stehen die Abgeordneten tatsächlich. Denn so etwas hat es in der bundesdeutschen Gesetzgebungsgeschichte noch nicht gegeben. So schnell wie möglich soll das gigantische Banken-Rettungspaket in Kraft treten, über das sich die Große Koalition in Abstimmung mit anderen Euro-Ländern am Wochenende verständigt hat und dessen Einzelheiten kaum einer der Parlamentarier überblickt. Alle Fristen werden für das "Finanzmarktstabilisierungsgesetz" außer Kraft gesetzt. Die Anhörungsrechte der Abgeordneten werden auf ein Minimum reduziert, Sondersitzungen von Bundestag und Bundesrat werden einberufen und für die Mitarbeiter Sonderschichten abgeordnet. Selbst der Bundespräsident muss bei diesem parlamentarischen Blitzverfahren mitspielen. Denn erst, wenn er das Gesetz unterzeichnet hat, tritt es in Kraft.

Handlungsfähig, so wie es die Kanzlerin und die Regierung beschwören, ist das Parlament. Noch am Montag haben die Experten des Finanzministeriums an Details des komplexen Regelwerks gearbeitet und an Formulierungen gefeilt. Am Freitag bereits soll das Gesetz in dritter Lesung vom Bundestag sowie anschließend vom Bundesrat verabschiedet werden. Normalerweise sieht die Geschäftsordnung des Bundestags vor, dass eine Vorlage drei Wochen bekannt sein muss, ehe sie debattiert werden kann. Auch dem Bundesrat wird normalerweise eine solche Frist zur Prüfung eingeräumt. In dieser einzigartigen Krisen-Woche hingegen wird das 500-Milliarden-Euro-Gesetzespaket in wenigen Tagen durch die parlamentarischen Gremien gepeitscht.

Doch was ist in diesen Tagen, in denen die Weltwirtschaft nach Ansicht von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück "in den Abgrund blickt", schon normal. "Mulmig" sei manchem Abgeordneten ob des Tempos schon, räumt der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, ein. Doch keiner will sich dem Diktat des Sachzwanges beziehungsweise dem vermeintlichen Sachzwang widersetzen. Kein Abgeordneter, keine Fraktion und auch keine Landesregierung will für einen erneuten Absturz der Börsen oder eine Bankenpleite verantwortlich sein. Alle zusammen haben sie schließlich das schlechte Beispiel USA vor Augen. Dort hatte sich die Finanzkrise dramatisch verschärft, nachdem das Rettungspaket der US-Regierung im ersten Anlauf im Parlament gescheitert war.

Das soll sich in Deutschland nicht wiederholen. Die gesamte Opposition hat deshalb den Sondersitzungen und Fristverkürzungen zugestimmt, selbst die Linkspartei spielt wie die FDP und die Grünen brav mit. Alle drei Oppositionsparteien üben in der Debatte zwar Kritik an einzelnen Regelungen, manche sehen gravierende Fehler, einige sprechen sogar von "Murks". Sie wollen der Regierung deshalb auch "keinen Blankoscheck" ausstellen.