Ein Taxi war schuld. Es hatte "Fips", den sechsjährigen Sohn eines Hamburger Malergesellen, angefahren. Die Versicherung zahlte 500 Mark Schmerzensgeld, das war eine üppige Summe 1929. Mutter Kaempfert kaufte ihrem Bert ein Klavier und bezahlte den Unterricht an Piano, Klarinette, Saxofon und Akkordeon.

Kaempfert wurde Saxofonist beim Danziger Radio-Orchester, kam dann zum Marine-Musikkorps der Wehrmacht auf Sylt. In dänischer Kriegsgefangenschaft gründete er seine erste Big Band und tingelte nach der Entlassung mit ihr durch Norddeutschlands amerikanische Offiziersclubs – so weit, so normal für einen deutschen Nachkriegsjazzer, geboren am 16. Oktober 1923 in Hamburg-Barmbek als Berthold Kämpfert.

Die eigentliche Bert-Kaempfert-Story begann zeitgleich mit der Geschichte der Bundesrepublik. Seit Ende der vierziger Jahre komponierte und arrangierte Kaempfert Schlager für den Norddeutschen Rundfunk und die Plattenfirma Polydor. Er schrieb Hits wie Freddy Quinns Die Gitarre und das Meer oder das Arrangement Wooden Heart für Elvis Presley, die englische Version von Muss i denn.

Der instrumentale Titel Wunderland bei Nacht war in den USA als Wonderland by Night 1961 fünf Wochen lang Nummer eins, die erste eines deutschen Komponisten. Auch Afrikaan Beat, L.O.V.E, Chanson d‘Amour und Red Roses for a Blue Lady wurden zu Evergreens – wären es echte Jazz-Songs, würde man sie Standards nennen. Aber Kaempfert machte "Musik, die nicht stört", wie er es nannte, "Musik, die niemandem wehtut". Heute heißt das Easy Listening und ist irgendwie Kult.

Bert Kaempfert hatte einen eigenen Sound: Wer damals die großen deutschen Fernsehshows gesehen hat, kennt diesen Klang. Kaempfert war der Vater der Fernsehorchester, seine Erben heißen James Last und Max Greger. Verrascheltes Besenschlagzeug und elektrisierter Knack-Bass im Walking Boogie, Blechgebläse ohne raues Saxofon, breitwandige Streicher – Kaempfert klingt, wie Resopal-Einbauküchen zwischen Wirtschaftswunder und Pillenknick aussahen. Doch wie Prilblüten prangen auf der glatten Oberfläche einige der größten Hits aller Zeiten. Es ist schon tragisch, dass bei Strangers in the Night jeder an Frank Sinatra denkt, an Bourbon Whiskey und die Großstadtschluchten New Yorks – und nicht an Racke Rauchzart, den Barmbeker Marktplatz und Bert Kaempfert.

Oder Spanish Eyes: Als Moon over Naples war es ein Instrumentalstück, dann sang Ivo Robic es als Mond guter Freund mit mäßigem Erfolg auf Deutsch. Freddy Quinn schaffte es mit Spanish Eyes in die amerikanischen Charts, musste aber wegen Problemen mit seiner Plattenfirma seine junge Überseekarriere beenden. Dann kam Al Martino, und Spanish Eyes wurde ein Welthit – den wiederum Robic als Rot ist der Wein interpretierte.

Kaempferts Lieder gingen in die Welt hinaus, ließen sich von Dean Martin und Ella Fitzgerald, Shirley Bassey und Duke Ellington, Sammy Davis Jr., Nat King Cole und Herb Alpert singen. Wenn die Lieder nach Hause kamen zu Kaempferts eigenem Orchester, lag zwar noch ein Hauch von Fernweh in ihrer Stimme – aber sie swingten biederer, gaben sich nur zaghaft mondän. Zu Hause, das erklärte sogar ein Stück wie Swingin‘ Safari, ist es doch am Schönsten.

Als die Disco-Musik altmodischen Tanzmuckern kaum eine Chance auf dem Plattenmarkt ließ, fand Kaempfert in den Fernsehshows der frühen Siebziger sein Refugium, mit Freddy Quinn, Hildegard Knef oder Sylvia Vrethammar. Regisseure setzten ihn meist ans Klavier: Als Dirigent wirkte er zu zappelig.

Kaempfert hat, oft mit seinem Weggefährten Herbert Rehbein, rund 400 Kompositionen und 750 Arrangements verfasst und bis zu seinem Tod 150 Millionen Platten verkauft. Sein Sound war die Begleitmusik der alten Bundesrepublik.

Am 21. Juni 1980 starb der Meister der Kapellen auf Mallorca. Ein Schlaganfall tötete den erst 56-Jährigen. Seine Asche wurde, so hatte er es gewünscht, über seinen geliebten Everglades verstreut.

Zum 85. Geburtstag sagen die Hamburger nun Danke Schoen (auch ein Kaempfert-Lied), indem sie den Platz zwischen Fuhlsbüttler Straße, Wiesendamm und Poppenhusenstraße in Hamburg-Barmbek auf den Namen Bert-Kaempfert-Platz taufen, am 15. Oktober um 12 Uhr.

Polydor hat jetzt eine Live-Aufnahme neu aufgelegt, ein Fernsehkonzert, das Kaempfert wenige Wochen vor seinem Tod gegeben hat. Und seit dem 80. Geburtstag gibt es die empfehlenswerte Kompilation Moon Over Naples, erschienen bei Bear Family Records: 24 Mal Spanish Eyes, von Freddy Quinn über Al Martino und Ivo Robic bis zu Cover-Versionen von Al DiMeola und Ray Conniff, nicht zu vergessen das ursprüngliche Instrumentalstück von Bert Kaempfert.

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