Man könnte etwas mehr Wut erwarten. Aufgebrachte Aktivisten, die vor der Wall Street demonstrieren oder geschockte Banker, die vor der Konzernzentrale von Goldman Sachs nervös in ihre Blackberries sprechen. Immerhin ist erst vor wenigen Stunden die letzte Säule des amerikanischen Kapitalismus eingeknickt. Die US-Regierung wird Anteile von den wichtigsten Banken des Landes übernehmen und sie im Gegenzug mit Liquidität versorgen.

Es ist die größte Verstaatlichungsaktion in der Geschichte der amerikanischen Banken. Doch an der Wall Street herrscht business as usual. Gelassen stehen Goldman-Sachs-Banker in einer windgeschützten Ecke und rauchen. Man hat den Eindruck, als sei nichts gewesen. Als sei es das Normalste von der Welt, dass sich das Land, das als Inbild des Kapitalismus gilt, an seinen größten Banken beteiligt.

Neun Banken, verkündete Präsident George Bush am Dienstag vor Öffnung der Börsen, hätten diesem Schritt zugestimmt. Medien berichten, zu ihnen gehörten die Bank of America, die Citigroup und JPMorgan Chase ebenso wie Goldman Sachs und Morgan Stanley, die noch bis vor wenigen Wochen die größten Investmentbanken des Landes waren – und Verfechter des freien Marktes.

Noch am Sonntag waren viele dieser Banken dagegen, dass sich der Staat in ihre Geschäfte einmischt. Doch die Finanzkrise hat schon so manche zum Umdenken gezwungen.

Auch wenn es an der Wall Street keine Anzeichen von Empörung gibt, erleichtert sind die Händler und Banker nicht. Denn ob dieser schmerzliche Schritt nun die lange erhoffte Wende an den Finanzmärkten bringt, das weiß niemand.

Der neue Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman, eigentlich ein scharfer Kritiker des 700 Milliarden Dollar schweren Hilfspakets, hält die Teilverstaatlichung für den richtigen Weg.  "Dieser Plan widmet sich wirklich dem zentralen Problem, dass Banken nicht genügend Kapital haben", sagt er dem Fernsehsender CNBC. Ein gewisses Maß an öffentlicher Intervention, Aufsicht und Teilverstaatlichung sei in der Krise nötig. Ob dieser Weg nun die Kredite wieder fließen lassen wird, konnte auch der Nobelpreisträger nicht mit Gewissheit sagen.

Der unabhängige Bankenexperte Bert Ely bescheinigt dem Eingriff wenig Potenzial. "Es wird nichts getan, um die Kreditwürdigkeit von Haushalten und kleinen Unternehmen zu verbessern. Warum sollten dann die Banken auf einmal großzügig Kredite vergeben?", kritisiert er.