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ZEIT ONLINE: Herr Bendel, wie funktioniert ein Handyroman? In eine SMS passen nur 160 Zeichen, viel zu wenig für ein ganzes Buch. Piepst laufend das Handy, weil ein neuer Satz da ist?

Oliver Bendel: Es gibt ganz verschiedene Umsetzungen. Im Falle meines Handyromans schickt man eine Kurznachricht an einen SMS-Dienst und bekommt das ganze Buch auf sein Mobiltelefon. Ich arbeite auch an einer Serie, die man abonnieren muss. Da piepst das Handy, wenn ein neuer Teil eingetroffen ist. Aber nicht laufend, denn auch in diesem Fall erhält man eine Anwendung mit vielen Seiten Text. Mit der guten, alten SMS-Literatur haben meine Handyromane also wenig gemein.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht anstrengend, lange Texte auf dem Handydisplay zu lesen?

Bendel: Mich persönlich ermüdet es weniger als das Lesen am Computerbildschirm. Moderne Handydisplays sind lichtstark, kontrastreich, hochauflösend. Die Menschen in Europa lesen auch bereits seit Jahren auf dem Handy, nämlich SMS oder Texte aus dem Internet. In Japan lesen Millionen Menschen Handyromane. Die Handys und Smartphones der neuen Generation werden das Lesen noch komfortabler machen.

ZEIT ONLINE: Wie verändern diese mobilen Romane die Literatur?

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Bendel: Die technischen Beschränkungen, etwa die Größe des Displays, können besondere literarische Formen entstehen lassen. So sind kurze, einfache Sätze typisch. Die Plots sind meistens temporeich und schräg. Handyromane sind ein eigenes Genre. Ohne Zweifel werden sie der Belletristik neue Impulse geben. Sie werden zu einer schnellen, verrückten, abseitigen, harten, erotischen, verspielten, experimentellen, anspielungsreichen Literatur beitragen.

ZEIT ONLINE: Sie haben bereits zwei Romane in Buchform veröffentlicht – warum auf einmal für Handys?

Bendel: Das Medium macht es mir leicht, etwas auszuprobieren. Die Anbieter haben keine hohen Investitionskosten. Sie erhalten vom Autor eine Textdatei, entwerfen ein Cover und packen das Ganze in eine Java-Anwendung. Der Leser kann die Handybücher beziehen wie Klingeltöne, Logos und Videos. Er findet die Werke nicht mehr in Buchhandlungen oder in den Feuilleton-Besprechungen, sondern auf einem Portal oder in einem Musiksender - und wenn ihn der Titel oder die Beschreibung anspricht: zoosch! Das ist in gewisser Weise subversiv, und das gefällt mir. Handyromane könnten den Literaturbetrieb und die Verlagslandschaft verändern.

ZEIT ONLINE: Ihr erster Roman fürs Mobiltelefon heißt Lucy Luder und der Mord im studiVZ. Worum geht es?

Bendel: Die Handlung hat viel mit Social Networks und der bildenden Kunst zu tun. Lucy ist eine 20-jährige Jurastudentin in Berlin und betreibt in ihrer WG ein Detektivbüro. Sie übernimmt den Fall eines im studiVZ verschwundenen Mädchens, das ein unbekanntes Bild von Ernst Ludwig Kirchner gefunden hat. Der zweite Band erscheint noch in diesem Jahr.

ZEIT ONLINE: Das hört sich nicht nach Thomas Mann an ...

Bendel: Wer ist Thomas Mann? Aber im Ernst: Grundsätzlich bieten meine Handyromane anspruchsvolle Themen im leichten Gewand. Es kommt alles leicht, locker, jugendlich daher. Wenn man aber will, versinkt man in Diskussionen, Spielen und Experimenten. Für die weiteren Bände biete ich Lesern an, sich als Figuren einzukaufen. Sie treten mit vollem Namen und echten Lebensdaten auf. Sie unterschreiben, dass sie mich nicht verklagen. Und dann stelle ich sie dar, als Helden oder als Mörder. Wie es gerade passt.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von diesem Genre in den nächsten Jahren?

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Bendel: Es wird immer mehr genuine Handyromane geben, wie in Japan. Also nicht nur Kafkas Verwandlung für unterwegs, sondern richtige Unterwegs- und Verbrauchsliteratur. Daran dürften junge Autoren oder literarische Außenseiter interessiert sein. Manche von ihnen sind hochtalentiert und würden es dennoch nie in normale Verlage schaffen. Diese Talente muss man entdecken und fördern. Weil das Handy der Freund der Jugendlichen ist, kann das Genre eine Einstiegsdroge für Literatur werden. Der Boom in Japan zeigt, dass es aber auch als eigenständiges Genussmittel taugt.

ZEIT ONLINE: Reizt Sie die Rückkehr zum klassischen Buch oder haben Sie sich dem Handyroman verschrieben?

Bendel: In den nächsten Jahren werden noch mehrere Handyromane von mir erscheinen. Aber mein neuer Roman la bouche wartet darauf, gedruckt zu werden. Hauptsächlich arbeite ich an der Universität St. Gallen. Dort werden wir demnächst ein neues Forschungsgebiet erobern. Sie erraten, um was es sich handelt: den Handyroman.

Das Gespräch führte Jan Mölleken