Verfolgungsjagden sind spannend. Meist sind Autos im Spiel, in Der Nachzügler geht der Verfolger aber meist zu Fuß. Und der Verfolgte scheint kaum zu wissen, wohin er eigentlich gehen soll. Der Roman verspricht einiges an Absurdität. Sein Autor Hanno Millesi, 1966 geboren, war Assistent des Aktionskünstlers Hermann Nitsch und lebt in Wien.

Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive eines experimentellen Literaten. Mit seinem eigenem Beruf verdient dieser kaum Geld, mit dem literarischen Mainstream kann er nichts anfangen. Daher ist er auf die Aufträge einer dubiosen Agentur angewiesen: In der Rolle eines Touristen, Arbeitslosen oder als vermeintlich Lesender hinter Zeitschriften soll der Literat einen gewissen Herrn X beschatten.

So folgt er ihm knurrend durch die Straßen, Häuser, Sexkinos und Cafés der Großstadt, hinaus aufs Land. Herr X, so stellt der Literat mit einer "Poesie analytischen Ausmaßes" fest, ist ein Mann mit wenig sozialen Kontakten. Zusammen mit einem Kollegen reist X in die Provinz. Dort gibt er Schulungen – immer gefolgt vom Literaten, dem Nachzügler. Genervt von X's langweiligem Leben, seinen Ess- und Trinkgewohnheiten kommentiert der Schriftsteller dessen asoziales Verhalten.

Es ist ein bizarres Gespann, das sich durch den Roman schlängelt und den Leser an die Leine nimmt. Millesis ureigene, extrem trockene Lakonie zieht ihn magisch durchs Buch und macht ihn zum Komplizen und Mitwisser, der seinem Hauptprotagonisten über die Schulter schaut. Ja, er spiegelt den Leser und dessen Voyeurismus.

Nach dem Besuch einer Diskothek verliert der Nachzügler den Anschluss. Er glaubt, Herr X sei tot und stellt seine Beobachtungen ein. Der Totgeglaubte aber sitzt in seiner Großstadtwohnung, hat Depressionen und begibt sich nach einer kurzen Reise, auf der er wieder vom Nachzügler verfolgt wird, schließlich in eine psychiatrische Klinik. Nach der Entlassung fährt Herr X aufs Land und radelt mit dem Fahrrad aus dem Blickfeld. In einem Epilog droht der Nachzügler mit einem Aufstand der experimentellen Literatur gegen die Gesellschaft. Der Begriff "experimenteller Schriftsteller" bekommt durch die ständige Wiederholung etwas Lachhaftes und Selbstironisches.

Es ist eine großartige Erzählposition, aus der Millesi die Handlung des Erfolgsromans Ausweitung der Kampfzone von Michel Houellebecq, auf dem der Text basiert, distanziert beschreibt. Ohne Sexszenen oder emotionale Dramen zu wiederholen. Nur gelegentlich wird dem Erzähler heiß. Er schwitzt, oder ihm wird übel. Ansonsten schildert der Nachzügler das sinnlose Hin- und Hergefahre, das Warten. Millesi reduziert Houellebecqs Erfolgstitel auf äußerliche Begebenheiten: Man folgt Herrn X auf dessen ausgetretenen Pfaden. Damit stellt Millesi auch die Belanglosigkeit des Plots – und nicht nur dieses Plots – aus.