ZEIT ONLINE: Wie wird die Krise die USA verändern?

REIHAN SALAM: Aus derzeitiger Sicht sieht es so aus, als ob 10 Prozent Arbeitslosigkeit realistisch sind, und die Frage ist, wie gehen die USA damit um? Die Kriminalität wird steigen, die Sozialleistungen werden sinken und es wird zu gesellschaftlichen Spannungen kommen.

ZEIT ONLINE: In Europa mussten wir in manchen Regionen mit noch höherer Arbeitslosigkeit umgehen lernen.

SALAM: Ja, aber in Ländern wie etwa Spanien, die teilweise bis 20 Prozent Arbeitslosigkeit hatten, gibt es einen funktionierenden schwarzen Arbeitsmarkt, der einen Teil des Einbruchs auffangen kann. So ist die reale Arbeitslosenquote dort wahrscheinlich viel niedriger. Hier funktioniert Schwarzarbeit anders. Die Leute sind gleichzeitig im ersten Arbeitsmarkt und arbeiten schwarz. Deswegen haben 10 Prozent einen weit größeren Effekt als in Europa. Dort suchen sich die Betroffenen Wege, sich durch das Sozialsystem zu mogeln. Bei uns ist das Sozialsystem derart schwach, dass es diese Möglichkeit gar nicht erst gibt. Hier hängen die meisten Leute allein von dem Einkommen ab, dass sie verdienen – es gibt kein zusätzliches soziales Einkommen.

ZEIT ONLINE: Was ist der Unterschied zu früheren Krisen?

SALAM: Eine derartige Rezession, wie sie uns jetzt ins Haus steht, haben wir lange nicht gehabt. Selbst die Rezession Anfang der neunziger Jahre war eigentlich nicht so schlimm. Sie hatte nur deshalb derartig breite kulturelle Auswirkungen, weil es auch Universitätsabsolventen traf, die eher geneigt sind, ihrer Frustration Luft zu machen, und sich auch gut ausdrücken können. Die kommende Krise wird viel tiefer gehen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

SALAM: Nehmen wir zum Beispiel die illegalen Einwanderer. Die Zahl derer, die ins Land kommen, ist bereits rückläufig. Aber was passiert mit denen, die im Land bleiben? Wie werden die Leute mit ihnen umgehen? In einer wachsenden Wirtschaft zeigt sich die Gesellschaft eher großzügig gegenüber solchen Außenseitergruppen. Da werden Spannungen wachsen.

ZEIT ONLINE: Ist die Veränderung vor allem in der Working Class spürbar?