ZEIT ONLINE : Herr Tiedemann, 1982 sind sie als 16-Jähriger mit der Jugendaustauschorganisation AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. für ein Jahr in die USA gegangen. Wo haben Sie das Schuljahr verbracht?

Kai-Uwe Tiedemann : An der Rio Mesa Highschool in Camerillo in Südkalifornien. Ich war damals der einzige Austauschschüler an der Schule und überhaupt erst der zweite Austauschschüler, der an diese Schule kam.

ZEIT ONLINE : Dann waren Sie sicher eine Attraktion.

Tiedemann : Als ich dort ankam, versammelte sich die gesamte Schule zur Begrüßung in der Sporthalle. Ich wurde auch ganz selbstverständlich gleich Mitglied der Schülervertretung und konnte dort über die Verwendung eines recht großen Budgets für Schüler-Projekte mitentscheiden. Ich habe schnell die Erfahrung gemacht, dass man in den USA auch jungen Menschen viel zutraut. Aus Deutschland kannte ich das so nicht.

ZEIT ONLINE : Wie kamen Sie dazu, sich für den Schüleraustausch zu bewerben? Haben Ihre Eltern sie dabei unterstützt?

Tiedemann : Ich hatte einen Klassenkameraden, der in New York geboren war und für ein Jahr in die USA gehen wollte. Er überredete mich, mich auch zu bewerben. Es gab fünf Plätze für 35 Bewerber, ich bekam einen davon, er nicht. Er ging dann allerdings mit einer anderen Organisation in die USA. Als Realschüler und mit schlechten Englischkenntnissen hatte ich mir eigentlich keine Chancen ausgerechnet. Als dann der Anruf kam, war das sehr überraschend, auch für meine Eltern. Ihnen musste ich das alles erst einmal erklären. Sie waren zwar skeptisch, aber schließlich ließen sie mich gehen.

ZEIT ONLINE : Welche Erfahrungen haben Sie in den USA gemacht?

Tiedemann : Zum einen, dass wir dort als Schüler viel selbst entscheiden durften. Aber auch, dass es ganz egal ist, welche kulturelle oder auch schulische Herkunft man hat. In Deutschland teilt das dreigliedrige Schulsystem die Schüler ja stark ein. Außerdem habe ich gelernt, für eine Sache engagiert einzutreten, weil ich gesehen habe, dass man damit Erfolg haben kann. Einmal musste ich vor der ganzen Schule und allen Eltern eine Rede halten. Auch das prägt positiv, wenn man es geschafft hat. Insgesamt würde ich sagen, dass sich mein Selbstvertrauen, meine Kommunikationsfähigkeit und Toleranz in der Zeit maßgeblich entwickelt haben. Außerdem habe ich natürlich die Sprache gelernt. Als einziger Austauschschüler an der Schule musste ich das ja auch.

ZEIT ONLINE : Wie hat sich dieses Jahr auf ihren weiteren beruflichen Werdegang ausgewirkt?

Tiedemann : Ich habe über das Jahr zwar eine Hochschulzugangsberechtigung für die USA erworben, diese wurde aber in Deutschland nicht anerkannt. Nach meiner Rückkehr habe ich eine Lehre zum Maschinenschlosser gemacht, dann die Fachoberschule besucht und Maschinenbau studiert. Im Anschluss habe ich ein halbes Jahr bei Black und Decker in Baltimore gearbeitet und bin dann in Deutschland Berufsschullehrer für Sport und Metalltechnik geworden. Insgesamt würde ich sagen, dass ich mir durch das Jahr in den USA mehr zugetraut habe. Das habe ich auch festgestellt, als ich die 25-Jahr-Feier meiner Realschulklasse besucht habe. Bis auf mich und den Freund, der mich damals zu dem Austauschjahr überredet hatte, sind alle anderen ehemaligen Mitschüler den klassischen Weg der Realschüler gegangen. Alle haben eine Lehre gemacht und später noch die Gesellenprüfung abgelegt, aber niemand hat studiert.

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: Heute arbeiten Sie als Berufsschullehrer. Haben Sie in Ihrem Beruf viel mit Menschen aus anderen Kulturen zu tun?

Tiedemann : Ich habe Schüler aus Russland, der Ukraine, aber auch aus der Türkei. Ich habe damals in den USA verinnerlicht, dass alle Menschen gleich sind, egal, welche Hautfarbe, Nationalität und welchen kulturellen Hintergrund sie haben. Ich versuche in meinem Beruf immer, die positiven Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, an meine Schüler weiterzugeben.

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: Würden Sie Ihre eigenen Kinder ermutigen, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen?

Tiedemann : Mein ältester Sohn ist zehn, wenn er in das entsprechende Alter kommt, werde ich das auf jeden Fall tun. Eine Alternative ist sicherlich, selbst einen Gastschüler aufzunehmen.

Kai-Uwe Tiedemann ist Lehrer und Koordinator der Berufsfelder Metalltechnik, Fahrzeugtechnik und Agrarwirtschaft an den Berufsbildenden Schulen Cadenberge/Niedersachsen.

Die Fragen stellte Meike Fries

Weitere Informationen über gemeinnützige Schüleraustauschorganisationen finden Sie unter www.aja-org.de