Faste und wache. Das Jom-Kippur-Fest, der höchste jüdische Feiertag, ist für die Israelis seit dem arabischen Angriff von 1973 ein Fest, bei dem sie auch auf der Hut sein müssen. Zu diesem Jom Kippur jedoch kam die Gewalt nicht von außen, sondern von innen. Es war auch kein Krieg, sondern ein Straßenkampf. Aber nach einer Nacht des Steinhagels ist der Frieden zum Fest wieder einmal deutlich gestört.

Schauplatz war die israelische Stadt Akko nördlich von Haifa. Nach Angaben der Zeitung Ha'aretz sollen dort jüdische Jugendliche einen arabischen Mann geschlagen habe. Der Grund: Er habe während des Fests unziemlichen Lärm gemacht. Kurze Zeit später seien arabische Jugendliche aufgetaucht. Der Aufruhr begann. Steine flogen, Autos gingen in Flammen auf, Läden wurden zerstört.

Die Randale zeigt zweierlei. Erstens: Israel trägt den Konflikt mit den Arabern nicht nur im Westjordanland oder in Gaza aus. Mauer drum und isolieren hilft hier nicht viel. Ein Drittel der Bevölkerung von Akko sind Araber. Juden und Araber lassen sich in dieser Stadt noch nicht mal durch ein Zäunchen trennen. Zweitens: Der Palästinakonflikt wird für Israel auf Dauer zur Bedrohung im Herzen des Landes, das 1948 gegründet wurde. Ein Modus Vivendi mit den Arabern wird für Israel zur Überlebensfrage.

Es war Premier Ariel Scharon, der vor Jahren nachdrücklich auf die demografische Zeitbombe hingewiesen hatte. Je länger Israel Gebiete besetzt hält, in denen ausschließlich oder mehrheitlich Araber wohnen, desto mehr besteht die Gefahr, dass die Juden im eigenen Land zur Minderheit werden. Die Gefahr: Israel verschrottet sein demokratisches System und mausert sich - nach dem berüchtigten südafrikanischen Modell - zum Apartheidregime. Eine Horrorvorstellung für viele Israelis, leider aber nicht für alle, wenn man sich anhört, was so mancher Siedler im Westjordanland über die Araber zu sagen hat.

Scharon wurde zum ärgsten Feind der Siedler. Der israelische Hardliner mutierte zum Vater der Zweistaaten-Lösung - allerdings keiner im Einverständnis mit den Arabern, sondern vielmehr im Alleingang. Das Ergebnis ist zwar nicht sehr ermutigend: Es trägt den Namen Gaza, wo die radikalislamische Hamas nach einer gewonnenen Wahl 2006 und einem Putsch 2007 allein herrscht. Dennoch hatte Scharon im Prinzip Recht. Die israelische Besatzung in den Palästinensergebieten gefährdet Israel selbst. Ein Rückzug von Soldaten und allen bis an die Zähne bewaffneten Siedlern in der Zukunft wird unvermeidlich sein.

Wer das allerdings als Politiker in Amt und Würden laut heraustrompetet, der hat in Israel nicht so viele Chancen bei der nächsten Wahl. Also hat es nun zuletzt Ministerpräsident Ehud Olmert gesagt, aber erst Ende September, als sein Abgang aus der Politik schon perfekt war. "Wir müssen zu einem Abkommen mit den Palästinensern kommen, das beinhaltet, dass wir uns aus fast allen Gebieten zurückziehen, wenn nicht aus allen Gebieten." Recht hat er, und doch: Warum hat Olmert das nicht früher gesagt, als er dafür an der Macht hätte arbeiten können?