Inzwischen ist Joachim Löw wieder der Souverän, der er zeit seines Antritts als Bundestrainer im Juli 2006 gewesen ist. Eher gewesen war, denn es ist erst vier Monate her, nach der Niederlage gegen Kroatien während der Europameisterschaft, da sah sich DFB-Präsident Theo Zwanziger gezwungen, Löw öffentlich dessen Arbeitsplatz zu garantieren, auch für den Fall einer Niederlage gegen Österreich. Bis dahin war Löw everybody’s darling.

Ohnehin hinterließ die EM einen zwiespältigen Eindruck: Die Mannschaft erreichte das Finale. Bei den beiden letzten EM-Turnieren 2004 und 2000 war sie bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Man kann also von einem sehr guten Ergebnis sprechen. Dennoch hat das Team die Experten nicht begeistert, teilweise sogar erschrocken.

Die Mängel, die man Löw vorhält, sind bekannt: Konkurrenzkampf ausgebremst, auf alte Verdienste statt auf aktuelle Leistung gesetzt und die Mannschaft zu schwach geführt. Sechs Wochen lang eine Gruppe von etwa dreißig Männern zu Leistung zu motivieren, auf Disziplin zu achten, die gute Stimmung zu wahren und sich täglich den Tausend Fragen der Journalisten zu stellen, setzt Chefqualitäten voraus.

Vielleicht fehlt dem netten Herrn Löw ein Stückchen von Jürgen Klinsmann, dem kein Weg zu schwer ist, kein Widerstand zu groß (so wie Klinsmann ein Stück vom Fachmann Löw fehlen dürfte). Im WM-Eröffnungsspiel 2006 etwa verzichtete Klinsmann auf den angeschlagenen Kapitän Michael Ballack – gegen dessen Willen. Eine Entscheidung, die man Löw nicht zutraut.

Die Stärken des Qualifikationstrainers Löw werden dagegen jetzt wieder sichtbar, wenn er seine Mannen ein paar Tage um sich scharen kann: Er kann eine Mannschaft entwickeln, hat große taktische Sachkenntnis und kann seine Arbeit der Öffentlichkeit klug vermitteln. Die Modernisierung der deutschen Elf ist bei Löw in besten Händen.

Schon vor dem Spiel gegen Russland hat Löw sein Handeln umgestellt. Er hat wohl gemerkt, dass er Fehler gemacht hat. Auch hat er rhetorisch auf die Kritik an seiner weichen Hand reagiert. "Ich will von jedem Spieler sehen, dass er körperlich und mental für dieses Spiel bereit ist, sonst wird er nicht spielen", hat er in sehr entschlossenem Ton verkündet.

Plötzlich sitzt der dominante Torsten Frings auf der Bank, Christoph Metzelder, einer von Löws ehemaligen Lieblingen, spielt nicht. Die Folgen waren beim 2:1 gegen Russland eine Halbzeit lang zu sehen: So stark war die Elf lange nicht mehr, während der EM allenfalls gegen Portugal.

Löw hat die Skepsis nicht aufgehoben, sondern aufgeschoben. Seine Bewährungsprobe wartet auf ihn, gesetzt den Fall der erfolgreichen Qualifizierung, in Südafrika. Bis dahin muss er damit leben, dass auch seine vielen Befürworter die Frage stellen: Ist der Stratege Löw auch ein guter Turniertrainer?