ZEIT ONLINE:   Warum gibt es momentan so viele Marienkäfer?

Julian Heiermann: Das liegt vor allem daran, dass sich eine Art extrem vermehrt hat: der asiatische Marienkäfer, der auch als Harlekin-Marienkäfer bezeichnet wird.

ZEIT ONLINE: Kann man den mit bloßem Auge vom heimischen Marienkäfer unterscheiden?

Julian Heiermann: Der asiatische Marienkäfer hat die Eigenart, dass er verschiedene Morphologien ausbildet, nicht jeder Käfer sieht also gleich aus: Es gibt ihn in der normalen Form, also rot mit schwarzen Punkten, er kann aber auch sehr hell oder fast schwarz sein. Für Laien ist er nur schwer von den über 70 heimischen Arten zu unterscheiden. Punkte zählen bringt also nichts.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Käfer es überhaupt nach Deutschland geschafft?

Heiermann: Ursprünglich hat man ihn zur natürlichen Schädlingsbekämpfung in Gewächshäusern eingeführt. Der Marienkäfer frisst gerne Läuse, dem asiatischen schmecken sehr viele verschiedene Arten. Neben einem großen Appetit besitzt er auch ein relativ großes Vermehrungspotenzial: Als Gewächshausbetreiber kaufe ich mir ein paar Tausend Eier vom asiatischen Marienkäfer und bringe die dann im Gewächshaus aus. Danach pflanzen sich die Käfer automatisch fort, ich spare im Vergleich zum einheimischen Marienkäfer viel Geld.

Solange die Käfer im Gewächshaus bleiben, ist das auch kein Problem fürs Ökosystem. Es reicht aber, wenn nur einzelne Individuen entwischen; schon vermehren sie sich so schnell, dass das Ökosystem sie nicht mehr los wird, nicht zuletzt, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Den Effekt kann man sich wie im Garten vorstellen: Da wachsen sehr viele exotische Pflanzenarten, die meisten schaffen es aber nicht über den Zaun. Einige wenige wie Riesenbärenklau oder Goldrute finden doch den Weg nach draußen und bringen die umliegende Natur aus dem Gleichgewicht.

ZEIT ONLINE: Jetzt ist es zu spät. Was macht man als Betroffener, wenn das ganze Wohnzimmer voller Marienkäfer ist?

Heiermann: Marienkäfer sind nicht giftig, können weder beißen noch stechen. Dennoch sollte man sie auch als Tierfreund nicht in Wohnräumen überwintern lassen: Dort sind sie zwar vor Frost geschützt, doch es ist viel zu warm. Insekten fallen im Winter in eine Art Kältestarre. Sie schrauben ihren Stoffwechsel herunter, werden inaktiv und zehren von ihren Fettreserven. Weil die Temperaturen aber in unseren Häusern zu hoch sind, drosseln die Tiere ihren Stoffwechsel nur minimal - ihnen knurrt deshalb viel zu früh der Magen. Draußen ist es zu diesem Zeitpunkt aber meist zu kalt und Nahrung gibt es auch noch keine: Sie sterben. Deshalb sollte man die Käfer jetzt am besten zusammenfegen und an die Luft setzen.