Von der Dramatik der letzten Tage ist auf den ersten Blick wenig zu spüren, als Angela Merkel an diesem Montag um 15 Uhr im Kanzleramt vor die Presse tritt. Sie sagt höflich "Guten Tag" und spricht von einem "wichtigen Tag für Deutschland". Dann schlägt die Bundeskanzlerin eine schwarze Mappe auf und liest würdevoll eine vorgefertigte Erklärung vor. Die Kanzlerin weiß, dass es in diesen Tagen, in denen Banken vor der Pleite stehen, die Aktienkurse Achterbahn fahren und die internationalen Finanzmärkte verrückt spielen, auf jedes Wort ankommt. Dass das "Vertrauen bei den Bürgen, der Wirtschaft und den Banken" zu einer wichtigen Währung der Politik geworden ist und die Symbolik von Entscheidungen genauso wichtig ist, wie die Höhe staatlicher Bürgschaften.

In Sachen Symbolik gelingt es der Kanzlerin zu punkten. Sie hat eine Krisensituation gemeistert und zeigt mit ihrem Auftritt vor der Presse, dass sie Herrin des Geschehens ist. Als es vor einer Woche darum ging, die Staatsgarantien für private Spareinlagen zu verkünden, war sie noch zusammen mit Peer Steinbrück vor die Kameras getreten, nun spricht sie alleine. Zunächst erklärt sie nüchtern den Finanzmarktstabilisierungsfonds, den das Bundeskabinett zuvor beschlossen hat. Sie erläutert die Bausteine der neuen Finanzmarktverfassung und würdigt das gemeinsame Handeln der Euro-Länder.

Die ganze Dramatik der letzten Tage wird aber erst gegen Ende ihres kurzen Auftritts deutlich. Da spricht sie von "Exzessen des Marktes". Sie verkündet, "wir greifen hart durch, damit sich das, was wir jetzt erlebt haben, nicht wiederholt", und fügt, als sie ihre schwarze Mappe schon wieder zugeschlagen hat, noch hinzu: "Wenn der Staat nicht eingegriffen hätte, wären die Folgen unabsehbar gewesen."

Man kann über die unabsehbaren Folgen, die die Kanzlerin recht vage an die Wand malt, in diesen Tagen nur spekulieren. Steht die nächste deutsche Bank vor der Pleite? Droht ein Übergreifen der Krise auf die Realwirtschaft? Kein Wort dazu, über die Frage, was wäre passiert wenn, schweigt sich die Kanzlerin im Kanzleramt genauso aus, wie anschließend der Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Der hat an diesem historischen Tag zu seiner eigenen Pressekonferenz geladen. Getrennt erklären die beiden ihre Politik, auch wenn sie, so Steinbrück, in Sachen Rettungspaket angeblich "100 Prozent einer Meinung" seien. "Es geht um Schadensabwehr", sagt der Sozialdemokrat, und "es ist Gefahr im Verzuge".

Lange hat die Bundesregierung gezögert, mit öffentlichen Geldern den Banken generell unter die Arme zu greifen. Bis vor einer Woche hat die Große Koalition geglaubt, sie komme anders als die USA oder Großbritannien ohne einen staatlichen Schutzschirm für das Finanzsystem aus. Noch vor Kurzem wollte sie von einem international koordinierten Vorgehen nichts wissen. Doch getrieben von der Erfahrung bei der Rettung der Hypo Real Estate und gedrängt von den anderen EU-Staaten hat sich die Bundesregierung in den letzten Tagen doch zum schnellen Handeln entschlossen.

Plötzlich ging alles ganz schnell, die Verständigung im Euro-Raum, der Einigung in der Großen Koalition und die Unterrichtung der Opposition im Bundestag. Der Gesetzesentwurf, den das Bundeskabinett am Montag auf einer Sondersitzung beschlossen hat, hat es in der Tat in sich. Mit einem historisch bespiellosen Rettungspaket will die Bundesregierung der internationalen Finanzkrise trotzen.