John Carlos hat am 16. Oktober 1968 zusammen mit seinem Landsmann Tommie Smith für den wohl größten Eklat in der Geschichte der Olympischen Spiele gesorgt. Smith war bei den Sommerspielen in Mexiko vor 80.000 Zuschauern Weltrekord über 200 Meter gelaufen, Carlos holte heute vor 40 Jahren die Bronzemedaille. Bei der Medaillenzeremonie zogen Smith und Carlos sich jeweils einen schwarzen Handschuh an. Als die amerikanische Nationalhymne erklang, schlossen beide ihre Augen, senkten die Köpfe, ballten die Hand mit dem Handschuh zur Faust und streckten sie in den Nachthimmel von Mexiko City. Die “Black Power”-Geste war ein Zeichen für Menschenrechte und gegen Rassendiskriminierungen. Das Internationale Olympische Komitee stellte das Olympische Komitee der USA (USOC) nach der Geste vor die Wahl, entweder die beiden Athleten nach Hause zu schicken oder das gesamte Leichtathletik-Team zurückzuziehen. Das USOC entschied sich für ersteres.

ZEIT ONLINE: Herr Carlos, was kommt Ihnen als Erstes ins Gedächtnis, wenn Sie an den 16. Oktober 1968 denken?

John Carlos: Es sind alle Geschehnisse auf einmal. Wir standen kurz vor den Präsidentschaftswahlen, es tobte der Vietnamkrieg, in den USA gab es die Unruhen, die Gewalttaten in Mexiko-Stadt gegen Studenten und einfache Arbeiter. Es war mächtig was los.

ZEIT ONLINE: War es für Sie und Tommie Smith schon vor den Spielen klar, dass Sie protestieren werden?

Carlos: Wir wussten, dass wir etwas machen mussten. Was genau, haben wir erst nach dem Halbfinale besprochen. Bis dahin hatten wir uns voll auf unsere Läufe konzentriert. Denn uns war klar, um die Siegerehrung zum Protest zu nutzen, musste einer von uns Gold gewinnen.

ZEIT ONLINE: Bereits der Weg zum Podest wurde zum Protest.

Carlos: Wir sind barfuß gegangen, um darauf hinzuweisen, dass viele farbige Kinder auf der ganzen Welt täglich ohne Schuhe zur Schule gehen, weil sie sich keine Schuhe leisten können. Zudem habe ich bei der Zeremonie meine Trainingsjacke offen gelassen. Es war ein Symbol für die einfachen Arbeiter, die täglich körperlich schwer schuften mussten, das Land voranbrachten und trotzdem kaum Anerkennung bekamen.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie während der Hymne gedacht?

Carlos: Mir sind die Worte von Martin Luther King eingefallen. Ich hatte ihn rund zehn Tage vor seiner Ermordung im April 1968 kennengelernt. Er hat mir gesagt, ‚wenn du überzeugt davon bist, das Richtige zu tun, brauchst du dir keine Sorgen um dein Leben zu machen.’ Er hat Briefe bekommen, in denen die Absender schrieben, dass Sie Gewehrkugeln haben, auf denen sein Name steht. Ich habe daraufhin in seine Augen geschaut und keine Angst gesehen. Er war von etwas überzeugt, dass größer als sein Leben war. Und genauso habe ich es in Mexiko gesehen. Ich dachte mir, die Leute können mir mein Leben nehmen, aber nicht die Ideale, für die ich einstehe.