"Die Aktionäre müssen bluten" – Seite 1

Der gebürtige Schweizer Thomas Straubhaar (51) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Er ist Mitglied der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und hat vor kurzem für Schlagzeilen gesorgt, als er für jeden Steuerzahler eine Rückerstattung in Höhe von 200 Euro forderte.

ZEIT ONLINE: Die Teilnahme am Rettungspaket scheint bei den Banken verpönt, sie haben Angst, stigmatisiert zu werden. Die USA haben die Banken dagegen zur Teilnahme verpflichtet. Wäre das nicht auch in Deutschland sinnvoll?

Thomas Straubhaar: Einerseits ja, weil dadurch für eine Bank, die den Rettungsanker nutzen will, keine eigendynamische Misstrauenslawine ausgelöst würde. Diese könnte zu einem massiven Vertrauensverlust, einem Abzug von Bankeinlagen und einem Wegfall der Kreditwürdigkeit führen und damit die Bank erst recht in Schwierigkeiten bringen. Aber wenn man das Rettungspaket verpflichtend macht, wird auch stabilen Banken mit einem guten Geschäftsmodell etwas aufgezwungen, was sie möglicherweise weder wollen noch benötigen. Soll die Verpflichtung beispielsweise auch für die Sparkassen gelten? Wenn ja, wieso - wenn nein, wieso nicht?

ZEIT ONLINE: Aber eine Stärkung der Eigenkapitalbasis der Banken ist doch sinnvoll.

Straubhaar: Sicher, aber die Maßnahme könnte vom Markt anders wahrgenommen werden. Es ist ein klares Signal, dass es besonders schlecht um eine Bank steht. Und schon könnten die Bankkunden die Einlagen abziehen. Eine ganze Lawine käme da ins Rollen.

ZEIT ONLINE: Aber genau deshalb will man doch das Programm verpflichtend machen. Es sollen nicht einzelne Banken an den Pranger gestellt werden.

Straubhaar: Ja, das ist das Dilemma. Aber ich bin überzeugter Liberaler und mir widerstrebt es, auch jene Banken zu dieser Maßnahme zu zwingen, die vorsichtig und gut gewirtschaftet haben. Außerdem maßt sich der Staat als Gegenleistung etwas an, was ihm eigentlich nicht zusteht: Er bestimmt plötzlich das operative Geschäft mit. Wenn er als Bedingung fordert, die Gehälter auf 500.000 Euro zu beschränken, frage ich mich, wie das überhaupt funktionieren soll und ob er das auch als Minderheitsaktionär gegen den Willen der Mehrheitsaktionäre durchsetzen kann. Das wäre aktienrechtlich sicher heikel. Bei bestehenden Verträgen stelle ich mir das zudem juristisch sehr schwierig vor.

ZEIT ONLINE: Der Staat verlangt eben Gegenleistungen für seine Geldspritze.

"Die Aktionäre müssen bluten" – Seite 2

Straubhaar: Das ist aber erst einmal nur ein politisches Signal: Wenn eine Bank die Hilfe beansprucht, dann muss der Staat auch Einfluss haben dürfen. Dem stimme ich auch zu. Es ist auch mir nicht verständlich, warum sich in den USA die Bankvorstände noch Boni in Höhe von 70 Milliarden US-Dollar gönnen konnten, obwohl ihre Institute staatliche Hilfen in Anspruch nehmen mussten. Das darf sich in der Tat in Deutschland nicht wiederholen.

ZEIT ONLINE: Wenn Ihnen der Einfluss auf das operative Geschäft zu weit geht – wie sollte Ihrer Meinung nach die Gegenleistung dann aussehen?

Straubhaar: Überall, wo der Staat eine Bürgschaft übernimmt, sollte die Bank dafür eine hohe Prämie zahlen müssen. Es sollten also Zinskosten anfallen. Und bei weiter gehenden Maßnahmen wie etwa einer Beteiligung am Eigenkapital sollte man zuerst eine Rechtsformänderung vornehmen und die alte Bank untergehen lassen, aber dann gleich wieder durch eine neu zu gründende staatliche Auffangbank ersetzen. Dadurch würde das bisherige Eigenkapital seinen Wert vollständig verlieren.

ZEIT ONLINE: Sie fordern ernsthaft eine vollständige Verstaatlichung?

Straubhaar: Ja. Zuerst müssen natürlich die Aktionäre auf ihre Eigenkapitalansprüche verzichten. Aber dann bin ich dafür, die Bank einer staatlichen Auffanggesellschaft zu überschreiben.

ZEIT ONLINE: Aber dann wären die Aktionäre die Gelackmeierten.

Straubhaar: Ich habe kein Mitleid mit den privaten Aktionären der Banken. Sie haben das gesamte Schlamassel mitverursacht. Ich finde es unverständlich, wenn die Banken jetzt durch staatliche Hilfen saniert werden und der Aktionär am Ende davon auch noch profitiert.

ZEIT ONLINE: Die Aktionäre sind schuld?

"Die Aktionäre müssen bluten" – Seite 3

Straubhaar: Die Aktionäre müssen bluten, weil sie die Aufsichtsräte gewählt haben, die ganz offensichtlich die von ihnen ausgewählten Vorstände nicht ausreichend kontrolliert haben. Die Aufsichtsräte sind im Übrigen auch für die hohen Boni verantwortlich, die sie mit den Vorständen vereinbart haben.  

ZEIT ONLINE: Aber wie soll jemand, der vielleicht nur ein paar Bankaktien besitzt, die Wahl des Aufsichtsrats beeinflussen können? Das ist doch vollkommen unrealistisch.

Straubhaar: Wer Bank-Aktien kauft, der weiß genau, was er tut. Er hat sich in guten Zeiten über hohe Renditen gefreut und muss jetzt auch in die Pflicht genommen werden – sonst verlottern die Sitten an den Aktienmärkten vollständig. Da dürfen sich die Aktionäre nicht beklagen. Unwissenheit ist keine Entschuldigung für Fehlverhalten.

ZEIT ONLINE: Läuten Maßnahmen wie das Rettungspaket nun das Ende der Marktwirtschaft ein?

Straubhaar: Das, was zurzeit passiert, darf nicht die Regel sein, sondern muss eine Ausnahme bleiben. Um Vertrauen wiederherzustellen, bedarf es jetzt Eingriffe – und hier kann nur der Staat handeln. Natürlich ist das jetzt ein teurer Lernprozess. Aber ich bin mir sicher, dass wir danach zur Marktwirtschaft zurückkehren werden – einer Marktwirtschaft mit besseren Regeln.

Die Fragen stellte Marlies Uken.