Hubert Weiger ist Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND)

ZEIT ONLINE: Die ganze Welt spricht über die Finanzkatastrophe. Gibt es den Klimawandel eigentlich noch?

Weiger: Leider ja, und er wird immer bedrohlicher. Alle Zeichen, die wir mittlerweile sehen, deuten darauf hin, dass die schlimmsten Szenarien des Weltklimarats IPCC möglicherweise noch übertroffen werden.

ZEIT ONLINE: Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Finanzkrise und ökologischer Krise?

Weiger: Die Finanzkrise ist das Ergebnis von weitgehend nicht kontrollierten und reglementierten Geldmärkten in einer globalisierten Welt. Das beginnt schon in der EU, wo wir zwar eine gemeinsame Währung haben, aber keine gemeinsamen Regeln, um die Geldströme zu kontrollieren. Auch die ökologische Krise ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es bislang nicht gelungen ist, gemeinsam verbindliche und sanktionierbare Regeln für die Nutzung des Naturhaushaltes zu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Steckt hinter beidem - den Exzessen des Finanzmarkts und der Überbeanspruchung der Natur – dasselbe Grundprinzip?

Weiger: Bei der Bankenkrise heißt es immer, es sei die Gier von Einzelnen, die daran schuld sei. Ich sage, es ist die Gier des Systems, das Streben nach immer größer, höher, weiter. Das Streben nach grenzenlosem Wachstum. Stellen Sie sich einen Unternehmensvorstand vor, der in einem börsennotierten Unternehmen sagt, er wolle nicht zehn, fünfzehn, zwanzig Prozent Kapitalrendite, sondern nur ein oder zwei. Dieser Vorstand wäre in die Wüste geschickt worden. Wer sich dem System nicht fügt, hat in diesem selbstzerstörerischen Wettbewerb keine Überlebenschance.

Hubert Weiger ist Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND)

ZEIT ONLINE: Also brauchen wir ein anderes Wirtschaftssystem?

Weiger: Ich bin überzeugter Anhänger einer ökosozialen Marktwirtschaft. Wir brauchen einen staatlich gesetzten Rahmen, innerhalb dessen sich die menschliche Innovationskraft entfalten kann. Erst einmal muss die neoliberale Deregulierung ein Ende haben. Wir brauchen kein anderes System, sondern verbindliche globale Übereinkünfte, wie ökologisches und soziales Dumping zu verhindern ist. Wir brauchen eine forcierte Strategie, um Energie und Rohstoffe effizienter zu nutzen, und einen Lebensstil, der die natürlichen Grenzen anerkennt. Das Gemeinwohl muss, national wie international, Vorrang vor dem Markt bekommen. Wachstum ist längst keine Antwort mehr, sondern ein Problem. Unser Ziel muss der umweltverträgliche Wohlstand sein.

ZEIT ONLINE: Ärgert es Sie, dass es gelungen ist, in kürzester Zeit viele Milliarden zur Bewältigung der Finanzkrise locker zu machen, aber beim Klimaschutz sozusagen um jeden Cent gerungen wird?

Weiger: Das ist in der Tat etwas, was einen fast verzweifeln lässt: wenn offenbar genug Geld vorhanden ist, um den Kasinokapitalismus am Leben zu erhalten, aber zu wenig für wirklich wichtige ökologische Maßnahmen. Wenn es nur gelänge, zehn Prozent von den jetzt zur Stabilisierung des Finanzsystems vorgesehenen Mitteln zur Rettung der Natur bereitzustellen, wären wir einen großen Schritt weiter. Ich erinnere daran, dass wir vor einem halben Jahr die Kanzlerin in höchsten Tönen dafür gelobt hatten, dass sie bereit war, für den Schutz des Regenwaldes eine Milliarde bereitzustellen. Und jetzt werden quasi über Nacht mal eben 500 bis 600 Milliarden locker gemacht …