ZEIT ONLINE: Was ist der Grund für dieses Ungleichgewicht?

Weiger: Den Menschen liegt das eigene Geld eben wesentlich näher als die Natur. Der mögliche Verlust materieller Werte ist für die meisten viel bedrohlicher als eine Klimaveränderung, die man nur über Jahrzehnte hinweg beobachten kann und die ja heute scheinbar noch keine großen Auswirkungen hat. Das Dramatische an der Sache ist aber, dass wir den Glauben haben, alle Fehler seien irgendwie zu reparieren. Bei der Finanzkrise mag das ja noch möglich sein, wenn auch um den Preis neuer Verschuldung zulasten künftiger Generationen. Doch der Naturhaushalt ist nur zu einem gewissen Grad reparaturfähig. Es gibt Grenzen, hinter denen setzen sich selbst verstärkende, nicht mehr zu beeinflussende Prozesse ein.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass durch die Finanzkrise der Klimaschutz unter die Räder kommt?

Weiger: Ja, diese Gefahr ist nicht gering. In den laufenden Verhandlungen um das Klimaschutzpaket der EU heißt es ja schon, die Wirtschaft könne bei einer sich abzeichnenden Rezession keine weiteren Auflagen mehr verkraften. Da wittern die Lobbyisten der Großindustrie Morgenluft. Man macht also genau wieder den gleichen Fehler, den Klimaschutz gegen die Arbeitsplätze auszuspielen. Anstatt zu erkennen, dass gerade jetzt umso mehr in den Klimaschutz investiert werden müsste, um die Umwelt zu erhalten und neue, zukunftsfähige Arbeitsplätze etwa im Bereich der erneuerbaren Energien zu schaffen.

ZEIT ONLINE: Viele Politiker fordern ein Konjunkturprogramm …

Weiger: Also wieder neue Autobahnen, Flughäfen, alles Bereiche, wo man in kurzer Zeit viel Geld investieren kann, allerdings mit minimalem Arbeitsplatzeffekt und maximaler Umweltbelastung. Dadurch wird die ökonomische und ökologische Krise weiter verschärft.

ZEIT ONLINE: Und die Klimakanzlerin macht da mit!

Weiger: Ich glaube, aus persönlichen Gesprächen mit ihr, dass sie durchaus die Bedrohung des Klimawandels erkannt hat. Aber sie ist teilweise wohl nicht in der Lage, sich dem massiven wirtschaftlichen Druck der Großindustrie und ihrer Lobbyisten inner- und außerhalb des Parlaments zu widersetzen.

ZEIT ONLINE: Also keine klammheimliche Freude, dass sich der umweltzerstörende Kapitalismus selbst ein Bein gestellt hat?

Weiger: Nein, die wäre nicht berechtigt. Denn die Finanzkrise führt ja zu gewaltigen ökonomischen Folgeschäden. Und das wirkt dann auch negativ auf die Ökologie. Man muss sich nur die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ansehen, wo sich das im kleinen Maßstab zeigt. Die Krise hat dazu geführt, dass die KfW ihre Kredite für CO2-Reduktionsmaßnahmen, etwa die Dämmung von Häusern, verteuern musste. Jetzt ist die eigentlich segensreiche Arbeit der KfW in Sachen Klimaschutz in Gefahr. Das alles ist eben kein Nullsummenspiel. Einer zahlt immer die Zeche, entweder der Bürger oder die Umwelt. Und in der heutigen Situation beide zusammen.

ZEIT ONLINE: Müssen wir erst auf eine echte Umweltkatastrophe vor unserer Haustür warten, bis wirklich Substanzielles geschieht?

Weiger: Das wäre fatal, weil es dann zu spät wäre. Wenn nicht das Börsenkapital, sondern das Naturkapital verspielt ist, bedeutet das den Untergang der Menschheit.

Interview: Georg Etscheit