ZEIT ONLINE: Die WM-Begegnung zwischen dem Titelverteidiger Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik wird als legendär bezeichnet. Warum?

Helmut Pfleger: Legendär ist vielleicht etwas überzogen, aber die Begegnung ist eine ganz besondere. Hier treffen zwei Gegner sehr unterschiedlicher Spielarten aufeinander, die sich seit vielen Jahren kennen und sowohl schachlich als auch menschlich schätzen. Auf der einen Seite Kramnik, der immer schon großen Wert auf die künstlerischen Aspekte des Schachs gelegt hat und dem das langfristige strategische Konzept am Herzen liegt. Auf der anderen Seite Anand, seit vielen Jahren unangefochten bester Schnellschachspieler der Welt. Spätestens mit diesem Match wird die Schachwelt ganz vereinigt sein. Nach dem Ausscheren von Kasparow 1993 gab es ein Schisma in der Schachwelt mit verschiedenen Verbänden und  verschiedenen Weltmeistern. Das war äußerst unglücklich, fast so wie im Boxen. Wer jetzt hier gewinnt, der ist unangefochten der alleinige Weltmeister.

ZEIT ONLINE: Am Freitag gab es einen ersten Sieg Anands über Kramnik. Lässt sich daraus schon eine Prognose ableiten? 

Pfleger: Es war natürlich ein Big Point für Anand.  Andererseits sind noch acht Partien zu spielen. In der Vergangenheit gab es viele WM-Kämpfe, in denen der zurückliegende Spieler mit der letzten Partie noch ein Unentschieden erzielen konnte, etwa 2004, als es Kramnik gegen Péter Lékó gelang, die alles entscheidende Partie zu gewinnen und damit den Titel zu behaupten.

ZEIT ONLINE: Welchem Spieler liegt dieses Duell, Auge in Auge, besser?

Pfleger: Man konnte vielleicht meinen, dass der Zweikampf eher Kramnik liegt, er wirkte ausgesprochen entspannt und locker, wohingegen Anand insgesamt einen angespannteren Eindruck erweckte. Aber das ist trügerisch, man kann manchmal auch zu entspannt sein. Bisher haben wir von beiden Seiten hervorragende Spiele auf ganz hohem Niveau gesehen mit komplizierten Stellungen und wilden taktischen Varianten. Auch am Freitag wäre noch bis kurz vor Schluss ein Remis für Kramnik möglich gewesen, zuletzt waren jedoch beide in Zeitnot und in dessen Folge machte Kramnik zwei kleine Fehler, die ihn die Partie gekostet haben.