Wir erleben gerade ein Déjà-vu: Während der Weltwirtschaftskrise 1929 gingen zahlreiche bedeutende Unternehmen in Konkurs – wie in den vergangenen Wochen einige Banken. Auch damals waren Bilanzen, die nicht die tatsächlichen Vermögenswerte der Firmen abbildeten, eine Ursache der Krise. Viele Anleger verloren ihr Vermögen.

Damals entstand der Beruf des Wirtschaftsprüfers, der die Bilanzen von Unternehmen auf Herz und Nieren prüfen und sicherstellen sollte, dass die Öffentlichkeit vor dem Verlust ihres Vermögens geschützt werde. Doch die Wirtschaftsprüfer haben ihren Auftrag bislang nicht erfüllt. Die Bilanzskandale in der Vergangenheit, beispielsweise im Falle von Enron, Flowtex oder Comroad,  führten immer wieder zu Zweifeln an ihrer Arbeit.

Die aktuelle Finanzmarktkrise wirft ebenfalls die Frage nach der Mitverantwortung der Prüfer auf. Die Bilanzen der IKB, Hypo Real Estate, SachsenLB und anderer Landesbanken wurden von ihnen geprüft; durch ihre Testaten versicherten die Wirtschaftsprüfer der Öffentlichkeit, dass die in den Bilanzen ausgewiesenen Zahlen die Lage des geprüften Unternehmens korrekt widerspiegelten. Doch wie verlässlich sind solche Prüfungen, wenn bereits kurz nach ihrer Durchführung Milliardenbeträge bei den Banken abgeschrieben werden müssen, die schließlich zum Kollaps einer ganzen Branche führten?

Das Grundproblem ist nach wie vor: Die Prüfungsgesellschaften sollen Bilanzen jener Unternehmen prüfen, von denen sie bezahlt werden und sich Folgeaufträge versprechen. Prüfer; die zu viele Fragen stellen oder sich zu kritisch in äußern, verlieren schnell den Prüfungsauftrag. Das wird hinter vorgehaltener Hand auch von vielen Wirtschaftsprüfern zugegeben. Ihre wirtschaftliche Abhängigkeit lässt wirksame Bilanzprüfungen in letzter Konsequenz nicht zu.

Eine Lösungsmöglichkeit wäre, Prüfungsaufträge künftig nicht mehr durch die Unternehmen oder ihre Aufsichtsräte erteilen zu lassen. Für die Auswahl und Beauftragung der Wirtschaftsprüfer wäre eine neutrale Aufsichtsbehörde besser geeignet, etwa die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Um Preisdumping unter den Prüfungsgesellschaften auszuschließen und einen hohen Qualitätsstandard zu gewährleisten, ist es erforderlich, die Honorierung der Prüfer gesetzlich festzulegen. Die Höhe der Honorare sollte sich am Umsatz und der Bilanzsumme des zu prüfenden Unternehmens orientieren. Die staatliche Festlegung der Honorare ist übrigens in Deutschland nicht unüblich. Beispielsweise werden Ärzte und Anwälte seit jeher auf Grundlage einer Gebührenordnung bezahlt.

Die Finanzmarktkrise ist auch eine Systemkrise. Die europäischen Staaten erarbeiten zurzeit Lösungen, um die Bankenaufsicht zu verbessern. Wer eine bessere Kontrolle der Banken sicherstellen will, darf dabei die Rolle der Wirtschaftsprüfer nicht übersehen. Solange die wirtschaftliche Abhängigkeit der Prüfer von ihren Auftraggebern bestehen bleibt, ist eine wirkliche Kontrolle der Bilanzen nicht gewährleistet. Der nächste Skandal ist programmiert.

Steuerberater Patrick Straßer und Rechtsanwältin Daniela Devantier-Stern arbeiten für die Kanzlei Kühn & Partner in Berlin, die selbst nach eigenen Angaben keine Wirtschaftsprüfungsaufträge annimmt. Beide waren zuvor für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften tätig.