Lange Zeit war es in Martin K.s Leben nur aufwärts gegangen. Gleich nach dem Studium bekam er einen lukrativen Job bei einer der größten Investmentbanken in Deutschland. Er zog nach Frankfurt und kletterte die Karriereleiter nach oben. Erst war er Analyst, inzwischen ist er Fondsmanager. Er handelt mit Währungen, Rohstoffen, Aktien. Täglich bewegt der 30-Jährige Millionenbeträge, manchmal auch Hundertmillionen.

Am Anfang, so erzählt er, rief er oft abends seine Eltern in Leipzig an, um zu erzählen, wie viel Millionen Euro Gewinn er an diesem Tag wieder gemacht hatte. Inzwischen gibt es für solche Telefonate keinen Grund mehr. Denn jetzt geht es nur noch darum, weniger zu verlieren als der Durchschnitt. In seiner Branche herrsche "Panik", sagt Martin. Zwar seien alle Börsianer an Auf- und Abschwünge gewöhnt, aber diesmal habe die Krise eine "ganz andere Dimension" als alles, was er oder seine älteren Kollegen bislang erlebt haben.

Eigentlich ist es nicht erwünscht, dass Fondmanager mit der Presse sprechen. Deswegen wird Martins richtiger Name hier nicht genannt. Tatsächlich aber ist sein Redebedürfnis gewaltig. Anderthalb Stunden sprudelt es aus ihm heraus. Seine Bank, obgleich ein Marktführer, stellt keine neuen Leute mehr ein, sondern baut Stellen ab. Währungen schwanken am Tag zwischen 10 und 15 Prozent, was sie zu einem unkalkulierbaren "Wahnsinn" machen. Die Krisensymptome hat fast jeder in seiner Branche erkannt, aber keiner konnte etwas dagegen unternehmen.

Spätestens als die Anweisungen vom Vorstand sich häuften, mit bestimmten Banken keine Geschäfte mehr zu machen, wusste Martin: Hier stimmt irgendetwas nicht. Schon im Sommer 2007 hatte das begonnen. Ständig wurde die schwarze, streng geheime Liste der kreditunwürdigen Institute länger. Alle ahnten, dass andere Banken es genauso handhaben. "So kam das System zum Erliegen." Misstrauen beherrschte den Markt, dann Schockstarre.

Martin ist ehrlich. Auch er sei Teil des Systems gewesen, das sehenden Auges in die Krise rannte. Beispiel Ölpreis: Als dieser vor wenigen Monaten steil anstieg, war jedem Experten klar, dass er irgendwann auch wieder drastisch an Wert verlieren würde. Trotzdem konnte Martin es sich nicht leisten, kein Öl zu kaufen.

Einmal stand sein Chef hinter ihm und schimpfte: "Wie, Sie verkaufen Öl? Das kaufen doch gerade alle. Los, kaufen!" Seine Bank konnte in diesem Quartal nicht auf die Öl-Gewinne verzichten. Als der große Knall dann kam, der Ölpreis binnen weniger Tage rasant fiel, ging es nur noch darum, wer das Öl am schnellsten verscherbeln kann.