Seit zwei Tagen nun im Gazastreifen. Das ist keine große Entfernung von Berlin. Selbst die Uhrzeit ist dieselbe. Von unserem Hotelzimmer blicken wir auf das grün-blaue Mittelmeer. Nachts dringt das Geräusch der brechenden Wellen herein, sie schlagen im ewigen Rythmus. Morgens schmecken wir das salzige Wasser, es läuft aus dem Hahn im Bad, und beim Zähneputzen meint man, es kauen zu können.

"Poesie hart wie Brot", hat Ingeborg Bachmann einmal geschrieben. Poesie, die wie Sand zwischen den Zähnen knirscht, so fällt es mir wieder ein, wenn ich am Morgen die milchige Farbe im Glas am Waschbecken betrachte. Das braucht es an einem Ort wie diesem, so nah von Berlin, und doch auf einmal so weit entfernt von all den Gesprächen und Debatten über die Finanzkrise, den Absturz von Dow und Dax, die Verunsicherung der ewig sicheren Schweiz, die Versicherungen von all den Wirtschaftsfachleuten, die mit dem ideologischen Zeitgeist schwimmen, eben noch der Deregulierung und der endlosen Expansionskraft des Marktes das Wortes redeten und jetzt die Gier der Finanzwelt geißeln. Weit entfernt die ersten Entlassungen in der Industrie, Proteste bei der Bayern LB, die Angst vor der Angst. Das ist auf einmal weit entrückt.

Gestern haben wir eine Freundin besucht. M. ist eine jugendliche Mit-Vierzigerin mit kurzen grauen Haaren und einem breiten Lachen, sie kann zwei Neffen auf ihren Knien balancieren, sie mit Datteln versorgen und gleichzeitig die Konflikte der palästinensischen Gesellschaft bschreiben. Sie schont niemanden dabei. Ihr Blick ist nicht einfach nur nach Außen gerichtet, auf die Gegner jenseits der Grenzen, die sie hier eingeschlossen halten, in einer Gegend, in der unabhängige Köpfe wie sie nicht gern gesehen werden, sondern ihr Blick richtet sich auf die selbstgeschaffenen Grenzen.

Zu Fatah-Zeiten rebellierte sie gegen deren Korruption, zu Zeiten von Hamas rebelliert sie gegen deren Repression. Das alles erzählt sie heiter. Sie schenkt Pfefferminztee aus und scherzt über die Dollar, die sie von den reichen Gästen dafür einkassieren wolle. Das mitgebrachte Buch von Michael Ondaatje kennt sie und überlegt sofort, wem sie es weiterverschenken könnte. Wir sitzen, unter Obstbäumen im Garten ihrer Familie in dem Ort, in dem M. seit vielen Jahren eine Organisation betreibt, die Kinder der Gegend betreut.

Die Mauer, die ihr Grundstück von der Straße trennt, hat unebene Stellen und die helleren Steine verraten, dass sie erst jüngst ausgebessert wurde. Mit einem Lastwagen hatte Hamas die Mauer eingerissen. Einfach so. "Dabei hatte ich ihnen vorher gesagt, dass es islamische Sitte ist, zu klopfen und um Einlass zu bitten. Aber wenn ich sie nicht einlade, dann haben sie auch keinen Zutritt zu meinem Haus," sagt M. und lacht, "man muss sie an ihre eigenen Quellen erinnern."

Und dann beginnt sie zu erzählen wie es ihr ergangen ist, seit wir das letzte Mal hier waren: im Juli habe ein Trupp von bewaffneten Männern der Hamas ihr Jugendzentrum gestürmt, erzählt M. Eine ihrer Mitarbeiter hatte sie zuhause angerufen, um sie zu warnen. Sie solle sich verstecken. Nach einer Explosion am Strand von Gaza, bei der fünf Menschen umgekommen waren, hatte Hamas einen als Ermittlung getarnten Raubzug durch zahllose Nachbarschaften begonnen. Ganze Familien, Institutionen und eben NGOs wie ihre wurden bezichtigt, beteiligt zu sein, Waffen zu lagern, die Kriminellen zu unterstützen.