Liebe kann schön sein. Und Liebe kann viel zerstören. Das müssen auch Clementine und Joel erfahren, als ihre Beziehung von Problemen erdrückt wird. Clementine kann ihren Kummer über das gescheiterte Glück nicht ertragen, und sie trifft eine Entscheidung: Sie lässt ihr Gedächtnis löschen - zumindest jenen Teil, in dem Joel seinen Platz hatte. Da Clementine ihn danach nicht einmal mehr erkennt, unterzieht sich Joel derselben Prozedur. Das Leid der beiden endet, weil sie einander schlicht vergessen.

Diese Fiktion im Film " Eternal Sunshine of a Spotless Mind " mag noch den Charme der Absurdität versprühen, in den Labors unserer Realität arbeiten Wissenschaftler aber tatsächlich daran, das Vergessen zu kontrollieren. In der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Neuron beschreiben US-Forscher von der Universität in Georgia, wie sich negative Erinnerungen gezielt aus dem Gedächtnis von Mäusen löschen lassen. Ein bestimmter Eiweißstoff im Gehirn der Nager soll die gespeicherten Erlebnisse geradewegs austilgen.

Nun unterscheiden sich Mensch und Maus in ihren Erlebniswelten recht deutlich voneinander - die zu löschenden Erinnerungen der Tiere hatten wenig mit Liebeskummer zu tun. Vielmehr bekamen die Mäuse in speziellen Boxen Elektroschocks verpasst, an die sie sich später erinnern sollten. Wie stark diese Rückschau und die damit einhergehende Angst ausfiel, hing wesentlich von einem bestimmten Molekül ab: dem Enzym CaMK-II. Es gilt Neurobiologen längst als entscheidender Schalter im Gedächtnis des Menschen.

Joe Tsien und sein Team hatten die Form des Proteins in ihren Mäusen genetisch verändert und konnten die Konzentration des Enzyms im Gehirn mit einem Hemmstoff steuern. Und siehe da: Hoben die Forscher den Spiegel des Enzyms an – und zwar exakt in jenem Moment, in dem sich die Tierchen an die Elektroschocks erinnern sollten–, vergaßen diese rasch, sich zu fürchten. Die Forscher glauben deshalb, dass das Eiweiß einen regelrechten Löschvorgang einleitet. Und Studienleiter Tsien hofft, dass nach diesem Prinzip bald auch bei Menschen ganz gezielt traumatische Erinnerungen ausradiert werden können, während der Rest des Gedächtnisses erhalten bleibt.

Tatsächlich gibt es Menschen, für die ein solches Vergessen heilsam wäre: Fast jeder zehnte Erwachsene leidet nach einschneidenden oder gewaltsamen Erfahrungen unter Posttraumatischen Belastungsstörungen. Das Syndrom äußert sich in Albträumen, Panikattacken, sozialer Entfremdung und Depressionen; sogenannte Flashbacks können das Ereignis noch Jahrzehnte später vor Augen treten lassen. Vor allem Soldaten bekommen diese dunkle Seite des Gedächtnisses zu spüren: Schon ein platzender Reifen kann tödliche Schüsse und zerfetzte Körper detailliert zurückholen. Das Gehirn zerrt die Heimgekehrten damit im Geist immer wieder aufs Schlachtfeld. Kann deshalb ein solcher Teufelskreis nur durch radikales Vergessen durchbrochen werden?

"Die Studie zeigt, dass dieses Molekül ein gutes Target wäre, um solche Ängste und Belastungsstörungen zu behandeln", sagt André Fischer vom European Neuroscience Institute in Göttingen. Dennoch warnt der Forscher vor zu großer Euphorie. "Ich wäre vorsichtig mit der Aussage, dass die Erinnerungen hier wirklich gelöscht werden", sagt Fischer und erklärt: "Wir wissen immer noch nicht genau, wie der Mensch Erinnerungen speichert". Über den Prozess der Aneignung sei viel bekannt, nicht jedoch darüber, wo die Bilder im Gehirn abgelegt werden - und vor allem, wie und wann sie dann wieder abrufbar seien. Dies, sagt Fischer, sei "noch relativ unklar".

Auch die neue Studie erhellt das Dunkel kaum, denn ein Molekül allein kontrolliert nicht das gesamte Gedächtnis. Erst im vergangenen Jahr hatte Fischers Team zum Beispiel gezeigt, dass schlechte Erinnerungen noch mit einem weiteren Enzym im Gehirn verknüpft sind: Das Eiweiß namens Cdk5 verstärkt die Angst der Mäuse vor besagten Elektroschocks. Setzte man die Tiere erneut in die Kammer, erstarrten sie vor Angst. Unterdrückten die Forscher das Enzym, vergaßen die Mäuse dagegen sehr schnell, sich zu fürchten.

Gelöscht wurden die Erinnerungen dabei aber vermutlich nicht, jedoch wäre der Totalverlust des Erlebten für traumatisierte Menschen vielleicht auch überhaupt nicht nötig. "Das Ziel ist ja, dass einem die schrecklichen Erinnerungen nicht mehr in die Quere kommen", sagt Fischer. Wer selbst nach intensiver Psychotherapie unter den Erinnerungsschocks leide, dem helfe eventuell schon ein Mittel, das den Abruf der gespeicherten Informationen verhindert oder zumindest dämpft.

Ob diese Arznei dann auch als Pille gegen Liebeskummer taugt? Vielleicht. Im Film jedoch begegnen sich Clementine und Joel, die einander vergessen haben, nochmals und verlieben sich neu. Eines Tages erhalten sie auf einer Kassette jenen Teil ihres Gedächtnisses zurück, den sie einst löschen ließen. Und obwohl sie nun wissen, dass ihr Beziehung bereits gescheitert war, beschließen Joel und Clementine, mit diesen Erinnerungen zu leben – und ihrer schwierigen Liebe eine Chance zu geben.