Stephan Jockel hat eine schwere Woche hinter sich. Der Pressesprecher der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig ist seit ein paar Tagen nur noch damit beschäftigt, die Falschmeldungen richtig zu stellen, die seit vergangenem Donnerstag durchs Netz geistern. Das Archivwesen ist normalerweise kein sexy Thema für die Boulevardpresse, aber in diesem Fall hat sogar Bild.de die Nachricht aufgegriffen und eine "bizarre Verordnung" ausgemacht:

Seit dem 23. Oktober sei die Bibliothek verpflichtet, das Internet zu archivieren, und Webseitenbetreiber müssten nun ihre Inhalte in PDFs umwandeln und an die staatlichen Archivare liefern. Der Branchenverband Bitkom sieht auf die Webseiten-Betreiber schon Kosten von 115 Millionen Euro pro Jahr zukommen. Wenn diese Meldungen korrekt wären, würde es sich tatsächlich um einen Schildbürgerstreich handeln.

Das Netz ist ein flüchtiges Medium, und es in starren, druckfähigen Seiten zu speichern wäre etwa so, als würde man alle Fernseh-Talkshows transkribieren und als Buch ins Regal stellen. Aber die Meldungen strotzten von Falschinformationen:

- Das "Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek" (DNBG) ist bereits seit 2006 in Kraft, seitdem sammelt das Archiv nicht nur papierne Veröffentlichungen, Filme und CDs, sondern auch "Medienwerke in unkörperlicher Form", sprich flüchtige Online-Inhalte. Durchaus sinnvoll in einer Zeit, in der zum Beispiel viele Diplom- und Doktorarbeiten nur noch digital veröffentlicht werden.

- Die jetzige Verordnung regelt vor allem, welche Inhalte nicht in Leipzig archiviert werden müssen. Darunter fallen rein private Seiten und Online-Shops. Es geht gerade nicht darum, digitale Poesiealben und die Auktionen auf Ebay für die Nachwelt zu erhalten, sondern – natürlich mit guter deutscher Gründlichkeit – das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.

- Keine Online-Zeitung muss nun einen Mitarbeiter einstellen, der Webseiten in druckfähige PDFs umwandelt und bei Erscheinen an die Nationalbibliothek liefert. Seiten werden nur dann als PDF archiviert, wenn sie bereits in diesem Format vorliegen – das betrifft im Moment vor allem wissenschaftliche Publikationen.