"Wir Isländer sind Macher, entscheiden uns schnell und versuchen, jede Chance wahrzunehmen" – mit diesem Satz beschrieb Großinvestor Björgolfur Thor Björgolfsson vor fast vier Jahren die Mentalität seiner Landsleute. Damals wurde die Außenwelt gerade auf ihn und die anderen aggressiv expandierenden Isländer aufmerksam. Jetzt fallen isländische Banken und Investmentgesellschaften reihenweise um.

Björgolfsson ist nicht mehr der angesehene Mann, der er einmal war. Die Isländer aber beweisen, dass er sie richtig charakterisiert hat. Statt darauf zu warten, dass die Politik eine Lösung findet, packen sie lieber selber an. Unis öffnen sich für Arbeitslose, die Popsängerin Björk bringt Unternehmer und Bevölkerung an einen Tisch, und alle wehren sich dagegen, dass Großbritannien isländische Gelder mit Hilfe von Anti-Terrorgesetzen stoppt.

"Wir haben keine Zeit zu verlieren und können nicht nur auf politische Beschlüsse warten. Deshalb haben wir unsere Uni kurzerhand außerplanmäßig für Studenten geöffnet. Wer arbeitslos ist, muss sich schnellstmöglich weiterbilden können", sagt Agust Einarsson, Ökonom und Direktor der Hochschule Bifröst nahe Reykjavik. Die von ihm geleitete Hochschule war die erste in Island, die dieser Tage kurzerhand mitten im Semester neue Studenten aufnahm. "Niemandem ist damit geholfen, auf der Straße zu stehen, wenn er den Job verliert. Weiterbildung bietet dagegen eine Chance", so Einarsson.

Auf der Insel mitten im Nordatlantik sei man es gewohnt, dass Naturkatastrophen über die Bewohner hereinbrechen und schnell reagiert werden müsse. "Die Krise jetzt ist zwar keine Naturkatastrophe, aber wir müssen ähnlich schnell reagieren", sagt der Hochschulchef. Natürlich dauere es länger, bis die Politik entsprechende Weichen stelle. Die isländische Flexibilität komme dem Land jetzt zugute.

Die Bevölkerung ist wachgerüttelt und greift zu sonst ungewöhnlichen Mitteln: In der Hauptstadt Reykjavik wird derzeit regelmäßig gegen die Regierung demonstriert. "So etwas gibt es bei uns sonst nicht", sagt der Journalist Klemens Thrastarson. Die Menschen sind in Aufruhr und starten eine Aktion nach der anderen. Ein Schauspieler, der sich für den Hauskauf im Ausland verschuldet hat, lud Montagabend zu einem informellen Treffen ins Theater – es kamen so viele, dass Thrastarson wegen Überfüllung abgewiesen werden musste.

Auch im Internet wird diskutiert und demonstriert: Eine Gruppe von Isländern, die zeitweilig in Großbritannien gelebt hat, hat die Website www.indefence.is  gestartet und proklamiert dort: "Icelanders are NOT terrorists." Der britische Premier Gordon Brown hatte die nach dem 11. September 2001 verabschiedeten Terrorgesetze genutzt, um isländische Gelder in Großbritannien einzufrieren. Nun präsentieren sich auf der Seite jede Menge Isländer. Auf Fotos halten sie Schilder, auf dem Bekenntnisse wie "I am not a terrorist, Mr. Brown" stehen.