Allein die Zahlen sind ungeheuerlich: Rund 3,2 Milliarden Buchstaben umfasst der Text eines jeden Menschenlebens. Auf Papier gedruckt würden die As, Cs,Ts und Gs unseres Erbguts etwa 5000 Bücher von je 300 Seiten füllen - in einer Zelle passen sie in einen wenige Millionstel Millimeter großen Kern.

Und in diesem gewaltigen wie miniaturisierten Epos ist dabei nicht nur jeder Baustein des Körpers verschlüsselt, sondern auch die Risiken für viele Krankheiten. Will man die Veranlagung eines Menschen für bestimmte Leiden erfassen, könnte ein Blick in sein Erbgut also mehr als nützlich sein.

Doch wie sollte man die Lebenstexte von Millionen oder gar Milliarden Erdenbürgern entziffern? Als Forscher vor fünf Jahren die ersten zwei menschlichen Genomsequenzen fertigstellten, hatten sie 13 Jahre lang daran gearbeitet, die Kosten beliefen sich auf rund 300 Millionen Dollar - ein unbrauchbares Verfahren für die klinische Routine. Erst jetzt, ein halbes Jahrzehnt später, haben Wissenschaftler den nötigen Zeit- und Geldaufwand offenbar soweit gedrückt, dass das persönliche Genorakel zur realistischen Option gedeiht: Nur acht Wochen benötigten zwei Forscherteams, um das Erbgut eines Han-Chinesen und eines Afrikaners zu sequenzieren.

Beide Teams nutzten ein Verfahren des britisch-amerikanischen Biotechnik- Unternehmens Illumina. Kostenpunkt: jeweils nur rund 100.000 Dollar. Vom angekündigten 1000-Dollar-Genom ist man damit zwar noch ein Stück weit entfernt, aber die Entwicklung weist in die richtige Richtung. Dazu kommt, dass die Abfolge der Milliarden Buchstaben nun mit einer bislang nicht erreichten Präzision bestimmt werden kann. Beide Genome wurden mehr als 30 Mal gelesen, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin Nature.

Der neue Ansatz der beiden Teams um den US-Forscher David Bentley und den Chinesen Jun Wang zeigt allerdings nicht nur den rein technischen Fortschritt. Es könnte jedem Menschen über kurz oder lang die Möglichkeit geben sein eigenes Genom auf Mutationen hin untersuchen zu lassen. Der Genforscher George Church aus Boston etwa will mit seinem Personal Genome Project das Erbgut von 100.000 Freiwilligen entziffern, und die Daten mit den Krankenakten der Teilnehmer vergleichen. Church hofft aus diesem Vergleich neue Hinweise auf Krankheitsrisiken für Krebs, Alzheimer oder Diabetes ableiten zu können.

Derzeit übliche Gentests auf Krankheiten konzentrieren sich indes noch auf wenige Stellen im Erbgut. Immer wieder mussten und müssen Forscher aber feststellen, dass fast nie nur ein einzelnes Gen für ein Leiden verantwortlich ist. In der Regel trägt ein ganzer Komplex von unterschiedlichen Erbanlagen zu einer Krankheit bei - von Umwelteinflüssen und Lebensstil einmal ganz abgesehen. Je mehr Genome enziffert werden, desto eher könnte es möglich werden, aus dem Genom eines Patienten auch präzise Wahrscheinlichkeiten für seine Risiken abzuleiten.