Er kann es schon: Der Mann vom privaten Sicherheitsdienst rollt so lässig, so selbstverständlich und so schwungvoll über Hamburgs Nobeleinkaufsmeile Neuer Wall an uns vorbei, als wären er und sein seltsames Fortbewegungsmittel eine untrennbare Einheit. Leicht nach vorn gebeugt dirigiert er seinen rollenden Untersatz völlig unbewegt und wirkt so cool wie eine Figur aus einem Science-Fiction-Film.

Wir wollen es lernen: Physiklehrer Jörg Meyer treibt seine berufsbedingte Neugier auf moderne Fortbewegungsmittel in den Praxistest, Hildegard Derendorf, eine ambitionierte Motorradfahrerin, will den Unterschied zu dem anderen Zweirad erfahren, und ich bin einfach gespannt darauf, wie es ist, die Stadt auf zwei ungewöhnlichen Rollen zu erkunden. Inlineskates, Velo-Taxi oder Doppeldeckerbus kann ja jeder.

Wir drei haben heute eine Stadtführung mit dem Segway PT gebucht, so heißen die wendigen Stadtflitzer, die sich gerade anschicken, das deutsche Verkehrswesen zu verstören. Abgasfrei und akkubetrieben surren sie auch auf Hamburgs Rad- und Fußwegen herum, bislang allerdings nur mit einer Ausnahmegenehmigung. Pfiffig die Idee, eine Probefahrt mit einer Stadtführung zu kombinieren – so kann man Touristen auf originelle Weise die Stadt näherbringen und potenziellen Käufern das Gerät.

An der Stadthausbrücke stehen die Segways bereit. Wie soll man sie beschreiben – Trittbrett auf Rädern, Sackkarre mit großen Rollen? Im Prospekt wird der aus den USA importierte Roller nicht eben griffig  als "das erste zweirädrige selbstbalancierende elektrische Fahrzeug mit patentierter dynamischer Stabilisierungstechnologie" beschrieben. Doch wie kriegt man das Ding zum Rollen, die Karre zum Stehen, ganz ohne Pedale, ohne Bremse? Und wie kommt man überhaupt rauf, ohne gleich wieder runterzufallen? "Ganz einfach", sagt Björn Wenner, unser Tourguide. "Wir brauchen den Balanciermodus. Am Lenker ist ein kleines Display, das schalten Sie ein. Wenn Sie dann einen Fuß auf das Trittbrett stellen und ein lächelndes Gesicht auf dem Display erscheint, können Sie sich richtig draufstellen."

Was sich so kinderleicht anhört, ist doch ein recht wackeliges Manöver. Ohne Hilfestellung geht es nicht. Denn gleich will der Segway losrollen, aber das sieht unser Guide ganz anders. "Sagen Sie nicht, der macht, was er will. Streichen Sie Sätze wie 'Der fährt mir gerade gegen’s Bein' aus Ihrem Vokabular. Der Segway hat kein Eigenleben. Die Befehle geben Sie." Und die sind lautlos und funktionieren so: Vorbeugen heißt Gas geben, Zurücklehnen bedeutet bremsen und gegebenenfalls rückwärts fahren. Das funktioniert, weil Sensoren des eingebauten Computersystems hundertmal pro Sekunde die Körperposition analysieren und danach entsprechend das Gerät ausrichten. Dadurch kann der Segway von allein aufrecht stehen. Ohne die ausgeklügelte Bordelektronik würde man einfach vornüber purzeln.

Allerdings, das Stillstehen gestaltet sich etwas schwierig und das Wenden muss auch erst noch geübt werden. Darum steht vor der Kür durch die Stadt erst die Pflicht auf der Brücke – eine 30-minütige Anfänger-Einweisung durch einen vorbereiteten Hütchenparcours. Das klappt auch gleich ganz gut. Lehrer Meyer strahlt, Motorradfrau Derendorf hat ebenfalls alles im Griff. Es kann losgehen. 

Als leicht futuristisch anmutender Konvoi schnurren wir in Richtung Speicherstadt, balancieren über Bordsteinkanten, überwinden Hauptverkehrsstraßen, zuckeln über Kopfsteinpflaster und schaffen es tatsächlich, unser Gefährt vor roten Ampeln rechtzeitig im Zaum zu halten. Erst in der Hafencity haben wir endlich freie Bahn, lassen uns mutig in eleganten Schwüngen die kleinen Rampen der Magellan-Terrassen hinabrollen. Die überraschten Blicke der umstehenden Spaziergänger sind uns dabei gewiss. Vor der coolen weißen Treppenkulisse mit seinen verbogenen Lampen sind wir in unserem Element, genießen das Schaulaufen am Sandtorkai, passieren auf perfektem Untergrund den jüngst eingeweihten Traditionsschiffhafen und nehmen Kurs auf die künftige Elbphilharmonie. Wo wir auftauchen, sind wir der Blickfang und die Attraktion: Kinder staunen, Eltern lächeln und Jugendliche machen flotte Sprüche, wenn unser kleiner Konvoi sie überholt.

Apropos Sehenswürdigkeiten – bislang habe ich es noch gar nicht gewagt, meine Blicke umherschweifen zu lassen, die Fahrerei erfordert volle Konzentration. Weil wir stets hintereinander rollen, wird auch nicht viel geredet. Stattdessen bekommt jeder Teilnehmer seine Informationen über Bordlautsprecher: kleine Infohäppchen, unterlegt mit Schreien, Wasserrauschen, Glockenläuten und Säbelrasseln, je nachdem, ob wir gerade in der Deichstraße vom Großen Brand oder an den Fleeten vom ursprünglichen Hafenbetrieb erfahren, ob wir am Michel vorbeidüsen oder an den Wallanlagen, wo einst Napoleon gekämpft hat. Der Text ist zeitlich genau auf die Route abgestimmt.