Angespannte Ruhe – so lautet die jüngste Nachricht aus Goma. Soll heißen: Die Rebellen des selbst ernannten Generals Laurent Nkunda sind bislang nicht in die Stadt einmarschiert. Die Regierungssoldaten haben aufgehört zu plündern, zu morden und zu vergewaltigen. Blauhelme der UN patrouillieren derzeit wieder durch die Straßen.

Besonders sicher fühlt sich deshalb niemand, schließlich waren die Peacekeeper in den vergangenen Tagen und Nächten nicht in der Lage gewesen, die Zivilbevölkerung vor dem eigenen Militär zu schützen. Es gibt kaum zuverlässige Informationen aus den umliegenden Dörfern und Flüchtlingslagern, in denen desaströse Zustände herrschen müssen. Einige der Camps konnten aufgrund der anhaltenden Kämpfe seit Oktober nicht mehr mit Nahrungsmitteln versorgt werden.

Ein einigermaßen klares Bild liefern Informationen aus Goma, Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu. Nach "konservativen Schätzungen" wurden mindestens 30 Menschen von kongolesischen Soldaten ermordet. Berichte von Augenzeugen lassen vermuten, dass die Zahl der Toten weit höher liegen dürfte. Unbezahlt, schlecht bis gar nicht ausgebildet, der Willkür ihrer korrupten Offiziere ausgeliefert, sollten die "Streitkräfte der Demokratischen Republik Kongo" im Osten des Landes die Kontrolle der Regierung in Kinshasa über das gesamte Staatsgebiet herstellen. Innerhalb weniger Tage jedoch wurden sie zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit von Rebellen des so genannten "Tutsi"-Generals Laurent Nkunda aufgerieben und in die Flucht geschlagen.

Der Plünderzug durch Goma war die Rache der kongolesischen Streitkräfte – und ein Zeugnis des Scheiterns für die internationale Staatengemeinschaft: Sie hatte Millionen in den Aufbau dieser Armee investiert, hatte ihr im Kampf gegen die Rebellen auch die Blauhelme zur Seite gestellt. Herausgekommen ist ein marodierender Haufen, der für einen Großteil der Menschenrechtsverletzungen, vor allem der Vergewaltigungen, verantwortlich ist. Und eine UN-Mission, die sich mit dieser Strategie in die Falle manövriert hat.

Der Name Goma ist inzwischen zum Sinnbild für die Menschheitskatastrophe dieses Landes geworden. Flüchtlingsströme, Massaker, ein Vulkanausbruch, marodierende Soldaten, angreifende Rebellen, wechselnde Besatzer – seit bald fünfzehn Jahren steckt die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu in einem Teufelskreis der Gewalt. Nun folgt eine Neuauflage des Krieges, der seinen Ausgang Mitte der neunziger Jahre nahm, als der Genozid in Ruanda auch das riesige Nachbarland Kongo in die Katastrophe riss. Die Restgruppen jener genocidaires , den Hutu-Milizionären, die sich im Ostkongo festgesetzt haben und teilweise mit der kongolesischen Armee gegen Nkundas Truppen kämpfen, sind eine Wurzel des Problems. Eine andere ist der in kongolesischen Medien ungeniert geschürte Hass gegen ruandischstämmige Kongolesen, vor allem gegen Tutsi.

Das ist Wasser auf die Mühlen von Nkundas Propaganda, die ihn zum Beschützer seiner ethnischen Gruppe im Kongo stilisiert. Bleibt der oft zitierte dritte Kriegsgrund: Rohstoffe. Weil es im Ostkongo kein staatliches Gewaltmonopol gibt, weil die UN ein solches nicht ersetzen kann, geht es in diesem scheinbar ewigen Krieg eben auch um die Kontrolle über Gold und Erze.

Ob und wann Nkunda in Goma einmarschiert, hängt nun vor allem vom politischen Krisenmanagement der internationalen Staatengemeinschaft ab. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat zwei Vermittler in die Region entsandt, einen nach Kinshasa, einen in die ruandische Hauptstadt Kigali, aus der Nkunda zweifellos Unterstützung erhält. Bedeutsamer wird aber das Auftreten der USA, der EU und Südafrikas sein. Letzteres hat in den vergangenen Jahren im Kongo bei allen Verhandlungen eine wichtige Rolle gespielt.

Die Versorgung der Flüchtlinge und der Schutz der Zivilbevölkerung sind oberstes Gebot. Dazu braucht es einen Waffenstillstand. Keinen einseitigen, wie ihn Nkunda 15 Kilometer vor Goma erklärt hat. Sondern eine international gestützte Abmachung, die eben verhindert, dass seine Truppen Goma einnehmen, was eine noch viel größere Flüchtlingskatastrophe zur Folge hätte.