ZEIT ONLINE: Herr Scheufele, Sie haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich Wirtschaftsberichterstattung auf Aktienkurse auswirken kann. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Bertram Scheufele: Im Kern reflektiert die Berichterstattung das Marktgeschehen. Das Gegenteil ist nur sehr selten der Fall.

ZEIT ONLINE: Gibt es also keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Kursentwicklung?

Scheufele: Investoren, die tatsächlich große Anteile an Unternehmen halten, beziehen ihre Informationen aus sehr spezifischen Medien. Sie nutzen Massenmedien kaum als Informationsgrundlage.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Situation bei Kleinanlegern aus?

Scheufele: Bei Aktien, die stark im Streubesitz, also im Besitz vieler Kleinanleger sind, kann ein gewisser Herdentrieb vorkommen. Die T-Aktie wäre so ein Beispiel. Im Falle der VW-Aktien, von denen nur rund sechs Prozent im Streubesitz sind, gibt es aber keinen großen Zusammenhang. Das heißt aber nicht, dass Medien keine Rolle spielen. Im Gegenteil: Professionellen Investoren dienen die Medien als eine Art Seismograph.

ZEIT ONLINE:  Was bedeutet das?

Scheufele: Anhand der Massenmedien versuchen Investoren, das Verhalten von Kleinanlegern zu antizipieren, einen etwaigen Herdentrieb vorwegzunehmen und für die eigene Strategie fruchtbar zu machen. Nach dem Motto: "Ich glaube, dass Medien wenn schon nicht auf mich, dann doch auf andere wirken. Daher versuche ich, mit der vermuteten Medienwirkung zu spielen." Das Problem ist nur: Die Sache ist so komplex, so viele Faktoren spielen eine Rolle, dass die Wirkung einzelner Faktoren sehr schwer nachweisbar ist.

ZEIT ONLINE: Wir stecken in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Wie empfinden Sie den bisherigen Umgang der Medien mit der Krise?

Scheufele: Grundsätzlich als sehr verantwortungsbewusst. Auffällig war in der Vergangenheit, also vor Ausbrechen der Krise, dass die Wirtschaftsberichterstattung meist positiv verlief. Das unterscheidet sie deutlich von der Politikberichterstattung, die meist einen kritischeren Zugang wählt. Interessant ist dies vor allen Dingen, weil dieses Muster der Wirtschaftsberichterstattung in der Krise teilweise kippt.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Scheufele: Was die Kritik an Managern anbelangt, zeigt sich jetzt ein Muster, das wir aus der Politikberichterstattung schon lange kennen. Also eine starke Personalisierung des Problems und eine Suche nach den Verantwortlichen. Aber auch hier bleibt die Berichterstattung im Rahmen. Gefährlich wäre es, wenn panikartig berichtet würde, wenn also Tipps für Finanzverhalten gegeben würden oder Ähnliches mehr.