300 Kilometer flussab liegt die etwa ebenso große Siedlung Fort Chipewyan. Sie ist nur im Winter auf dem Landweg erreichbar, wenn das Moor vereist ist. Den Rest des Jahres ist der Ort auf Boote und Kleinflugzeuge angewiesen. Der Häuptling von Fort Chipewyan und sein Stammesrat sind erbitterte Gegner der Erschließung der Teersandfelder. Sie glauben, die Ölindustrie habe den Fluss und den Athabascasee, in den er mündet, vergiftet.

2005 schlug der ambulante Arzt John O’Connor, der die Gemeinde versorgte, Alarm. Er hatte bei fünf Patienten Krebserkrankungen des Gallengangs entdeckt, ein seltenes Karzinom. Das Gesundheitsamt gab eine epidemiologische Untersuchung in Auftrag, die das gehäufte Auftreten als statistisch nicht signifikantes Phänomen erklärte. Die Behörde beschuldigte den Doktor der Panikmache.

Im Oktober 2006 fanden von der Ölindustrie beschäftigte Wissenschaftler allerdings schockierende Arsenmengen in Elchfleisch und Fisch. In einem Fall lag die Konzentration 453 Mal über dem zulässigen Wert. Ende 2007 erhärtete eine zweite Analyse O’Connors Verdacht. Er wurde offiziell rehabilitiert.

David Schindler, ein angesehener Biologe der University of Alberta und Inhaber eines Lehrstuhls für Wasser- und Umweltforschung, erklärt, durch die Teersandförderung aufgewirbelte toxische Spurenelemente konzentrierten sich in der Nahrungskette und verursachten in Wildtieren eine Entartung des Erbguts. Eine Untersuchung von Flussfischen unterhalb der Teersandfelder fand eine augenfällige Erhöhung der Zahl von Erbgutschädigungen.

Die Provinzregierung von Alberta streitet das bis heute ab und behauptet, die Verschmutzung sei natürlichen Ursprungs, sie liege nicht höher als in vergleichbaren Flüssen, an denen kein Öl gefördert werde. Im Mai erklärte sie sich dennoch bereit, eine seit Langem geforderte Untersuchung der Belastung der Einwohner Fort Chipewyans mit krebsverursachenden Spurenelementen durchzuführen.

Die soziale Zerrüttung der Siedlung ist freilich weit vorangeschritten. Die Nachfahren der Fischer und Fallensteller haben die Jagd aufgegeben, sie leben größtenteils von Konserven und Sozialhilfe. Fettsucht und Depressionen, Zigaretten- und Alkoholkonsum sowie alkoholbedingte häusliche Gewalt nehmen überhand. Deshalb wird es schwierig sein, den Gesundheitszustand der Ureinwohner primär der Ausbeutung der Teersandfelder zuzuschreiben, vielleicht sogar aussichtslos. Doch an einem indirekten Zusammenhang besteht kaum ein Zweifel.