Es ist nur eine winzige Klausel im 822 Seiten langen Gesetz zur "Autarkie und Sicherung der Energiequellen der USA": Der Paragraf 526, eingefügt von Henry Waxman, einem demokratischen Kongressabgeordneten aus Kalifornien. Doch seit das Gesetz im vergangenen Jahr verabschiedet wurde, macht sie Karriere. In der kanadischen Teersandprovinz Alberta kennt jeder, der mit dem schwarzen Schmierstoff der Weltwirtschaft zu tun hat, die ominöse Zahl. Sie verbietet die Ausgabe öffentlicher Mittel für den Einkauf von "synthetischem" Treibstoff – und aus Teersand gewonnenes Öl gilt als synthetisch, weil die Molekularstruktur des zähen Rohstoffs vor der Verarbeitung in einer Raffinerie, in einer Schwerölaufbereitungsanlage aufgebrochen und umgeformt werden muss.

Das Verfahren verursacht über drei Mal so hohe Treibhausgasemissionen wie die konventionelle Ölproduktion. Zu besichtigen ist es im Scotford Upgrader, Shells Schwerölaufbereitungsanlage nordöstlich von Edmonton, der Hauptstadt von Alberta.

Es ist ein Ort der Superlative. In den Unterlagen von Betriebsleiter Frank Mannarino, der bei einem Besuch des Betriebs ein Einführungsreferat gibt, steht unter der Überschrift "Fakten": "It’s Big !" – mit groß geschriebenem big für kolossal und einem emphatischen Leerzeichen vor dem Ausrufezeichen.

Weitere Fakten: Mannarinos Anlage kann 155.000 Barrel pro Tag verarbeiten, das entspricht sieben Prozent des deutschen Mineralölverbrauchs. Ihre Kapazität wird  gegenwärtig durch einen Erweiterungsbau fast verdoppelt. Shells Upgrader ist eine von gegenwärtig vier derartigen Fabriken, elf weitere sind im Bau oder in Planung. In zehn Jahren sollen sie fast 2,5 Millionen Barrel pro Tag verarbeiten, das Äquivalent des deutschen Gesamtverbrauchs plus 200.000 Barrel.

Neben Shell stürzen sich die französische Total und die norwegische StatoilHydro für Europa in das Wettrennen um die Ausbeutung der kanadischen Teersände, einer der letzten großen Ölreserven der Welt. Nur die USA, der größte Ölkonsument der Welt, dürfen den Treibstoff aus Alberta nicht ohne Einschränkung nutzen.

Als Präsident George Bush das Gesetz zur Sicherung der amerikanischen Energieversorgung inklusive der Teersand-Klausel abzeichnete, jubelten die Umweltschutzverbände. Albertas Repräsentant in Washington behauptete zwar, die Nebenbestimmung beziehe sich nur auf aus Kohle gewonnenes Öl. Dennoch setzten er, der kanadische Botschafter und Ölbosse eine konzertierte Kampagne gegen den Paragrafen in Gang – bislang jedoch ohne Erfolg.