Holger, Sie waren seit Ihrem 16. Lebensjahr in der Neonazi-Szene und bis zum Sommer bei den Autonomen Nationalisten in Dortmund aktiv. Wie haben Sie Ihren Ausstieg bekannt gegeben?

Ich bin vor etwa fünf Monaten aus der Szene ausgestiegen und aus Dortmund weggezogen. Ich hatte aber schon längere Zeit nichts mehr mit diesen Leuten zu tun. Schon Monate vorher wurde ich angefeindet, weil ich offen Kritik geübt habe und Interesse an anderen politischen Positionen hatte. Ich konnte beispielsweise den Rassismus und die Menschenverachtung, vor allem auch die Verehrung von Adolf Hitler, nicht mehr ertragen.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff der "Autonomen Nationalisten"?

"Autonome Nationalisten" sind Neonazis, die Lifestyle und Aktionsformen der "Antifa" kopieren, um damit Jugendliche anzusprechen, und die sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern zu liefern. In den Medien wird oft der Fehler gemacht, Autonome Nationalisten als "weltoffenere" oder "tolerantere" Nazis darzustellen. Aber es sind ganz klar Leute, die das Dritte Reich glorifizieren, begangene Verbrechen leugnen oder relativieren und ein Regime nach dem Vorbild von Hitler-Deutschland anstreben.

Wie wird man denn "Autonomer Nationalist"? Reicht es, Kleidungsstil von Linken zu kopieren?

Zuerst erfolgt die Definition über die Kleidung, über die Kopie des Stils der autonomen Antifa. Ein alternativer Kleidungsstil: Auf Demos wird schwarze Kleidung getragen, Sonnenbrillen, Basecaps, schwarze Kapuzen-Shirts, zum Teil vermummen sich die Demo-Teilnehmer. Hinzu kommt die Gewalt, gegen die Polizei und gegen Antifaschisten, gegen alles, was nicht ins Weltbild passt, bis hin zu gezielten Aktionen und Anschlägen auf Institutionen oder Übergriffe auf Menschen.

Und was gehört noch zum Selbstbild der  der "Autonomen Nationalisten"?

Autonome Nationalisten sehen sich tatsächlich als politische Kämpfer, die gezielt und geplant strafbare Aktionen gegen Sachen und Menschen ausführen; die Menschen, die politisch anders denken oder die nicht in ihr Weltbild passen, mit Gewalt überziehen. Sie beteiligen sich an Demonstrationen, wann immer möglich in Form eines " Schwarzen Blocks ", wie eine Eins-zu-Eins-Kopie der Schwarzen Blöcke der Autonomen. Diese unterscheiden sich nur durch die Teilnehmerzahlen und den Inhalt ihrer Transparente, nicht aber in ihrer Außenwirkung. Aus diesen "Schwarzen Blöcken" der Autonomen Nationalisten gab es immer wieder Straßenschlachten mit der Polizei und dem politischen Gegner. Gewalt ist hier bei der Mehrzahl der Leute ein Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele, aber auch ein wichtiger Teil in der Erlebniswelt. Eine Minderheit ist allerdings überwiegend wegen der Straßenschlachten dabei, die wollen den "Kick", genau wie Hooligans im Umfeld von Fußballspielen.

Bei den Autonomen und allgemein in der linken Szene gibt es ja eher keine festen Organisationsformen. Wie ist das bei den neonazistischen "Autonomen Nationalisten"?

Nach Außen soll das natürlich so wirken. In der Realität gibt es aber ganz klar Hierarchien, Strukturen und Führungskader. Nach Aussen, also zum Beispiel für die Polizei, sollen Aufbau der Szene und Organisation nicht mehr erkennbar sein, um so auch Strafverfolgung und Organisationsverboten zu entgehen.