Havarien sind die Norm

Igor Dygalo ist erfahren im Umgang mit Störfällen, Havarien und Katastrophen. Das bringt die Aufgabe des Sprechers der russischen Marine mit sich. Nach dem Untergang des Atom-U-Bootes "Kursk" im Sommer 2000 in der Barentssee sagte er alles Mögliche, um den Ruf der Flottenführung zu wahren. Damals war Wladimir Putin gerade als neuer Präsident angetreten, um Russland zu alter Größe zu führen.

Am Sonntag musste sich Dygalo erneut in der Kunst üben, Opfer an Bord eines U-Bootes zu beklagen und möglichst vieles geheim zu halten: Auf der Nerpa , so viel ist klar, tötete das Brandschutzmittel Freon des automatischen Feuerlöschsystems während einer Testfahrt im Japanischen Meer 20 Menschen.

Unfälle geschehen in der hochkomplizierten Technikwelt der nukleargetriebenen U-Boote nicht selten, und es trifft natürlich nicht nur die russische Flotte: 1968 sank ein US-amerikanisches U-Boot mit 99 Mann an Bord vor der Küste Virginias, und zwei Jahre später verlor die französische Marine ein U-Boot mit 57 Mann im Mittelmeer.

Aber die Havarien sind in der russischen Flotte, wie es ein Moskauer Militärexperte ausdrückte, mittlerweile zur "Norm" geworden. Nach der Katastrophe der "Kursk", die ein eigener, explodierender Torpedo mitsamt der 118-köpfigen Besatzung versenkte, verlor die Flotte 2003 beim Untergang eines ausgemusterten Atom-U-Boots neun Männern. 2006 kamen bei einem Brand an Bord eines U-Bootes zwei Matrosen ums Leben.

Die Unfälle beleuchten, dass die russischen Streitkräfte bei Weitem nicht in der glänzenden Verfassung sind, die sie sich mit demonstrativen Langstreckenflügen ihrer strategischen Bomber über dem Pazifik oder mit Schiffsstaffeln ins befreundete Venezuela zu geben versuchen. Die russische Führung präsentiert sich als politische und militärische Supermacht, aber ihre Rüstungsprogramme blenden vor allem durch Milliardenankündigungen. Die notwendige Modernisierung des Kriegsgeräts, die Ausarbeitung einer modernen Militärdoktrin und der Übergang zu einer inneren Führung, die nicht auf der Gewalt über Gesundheit und Leben der Wehrpflichtigen basiert, kommen nur schleppend voran.

Das Unglück an Bord der Nerpa wirft zudem einen Schatten auf die russische Waffenindustrie, die sich in den letzten Jahren auf den ersten Platz der Weltexporteursrangliste geschoben hatte. Denn die Nerpa sollte nach Informationen, die offiziell nicht bestätigt werden, an die indische Marine vermietet werden. Sie beruht auf einem Projekt der siebziger Jahre und wurde 1991 in Bau genommen. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion lag die Werft lange Zeit brach, und erst das indische Interesse an einem Atom-U-Boot brachte dem unfertigen Rohbau eine neue Zukunft. Am 31. Oktober fand endlich der erste erfolgreiche Tauchgang statt. Zuvor hatte die Werft bereits zweimal die offizielle Übergabe des U-Bootes verschieben müssen.

Havarien sind die Norm

Das ist symptomatisch für die russische Militärindustrie. In den neunziger Jahren durchlebte sie eine existenzielle Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Nur die chinesischen und indischen Aufträge verhinderten damals den völligen Zusammenbruch. Als Folge der Krisenzeit konzentrierte sich die Produktion auf exportfähige sowjetische Waffensysteme und hat einen Großteil der Innovationsfähigkeit eingebüßt. Das Durchschnittsalter der hochqualifizierten Fachleute nähert sich der Rentengrenze. "Der technologische Rückstand gegenüber den amerikanischen Streitkräften liegt bei 15 Jahren", urteilt Militärwissenschaftler und General Wladimir Dworkin. "Und er vergrößert sich."

Besondere Stärken zeigt die russische Waffenindustrie noch beim Bau von Boden-Luft-Raketen und Kampfflugzeugen. Aber auch hier gibt es vermehrt Reklamationen: Algerien hat im Februar Russland 15 gekaufte MiG-29-SMT-Jagdflugzeuge vermutlich nicht nur auf Druck der französischen Waffenlobby zurückgeschickt. Über aufmontierte "Gebraucht-Ersatzteile" und "verrostete Bausätze" wurde geklagt. Käuferländer wie Indien bestehen gegenüber Russland auf Cockpittechnologie und Panzervisieren aus Frankreich oder Israel.

Bisher ist zwar unklar, warum sich die Männer in der ersten und zweiten U-Boot-Sektion der Nerpa nicht mit ihren tragbaren Atemgeräten gerettet haben. War es ein technischer Defekt oder der in Russland oftmals entschuldigend bemühte "menschliche Faktor"?

Der Unfall an Bord der Nerpa dürfte in jedem Fall das Misstrauen der indischen Regierung verstärken, die ihn womöglich nutzt, um den Preis zu drücken. Für Russland kommt er zumal während der Finanzkrise, die dem Wirtschaftsboom der vergangenen acht Jahre ein Ende setzt, ungünstig. Er zerstört die Traumbilder der Großmannssüchtigen.