In Hessen ist wieder Wahlkampf. Die Parteien haben sich nach dem Ypsilanti-Desaster auf Neuwahlen verständigt, voraussichtlich am 18. Januar. Auf die Schnelle hat die SPD am Wochenende einen politischen Nobody zum neuen Spitzenkandidaten gekürt.

Lediglich 69 Tage hat dieser Thorsten Schäfer-Gümbel nun Zeit, die sozialdemokratische Chaostruppe wieder auf Trab zu bringen und aus dem politischen Schatten der grandios gescheiterten Landes- und Fraktionsvorsitzenden Andrea Ypsilanti herauszutreten. Zugetraut wird es ihm nicht. Der 39-Jährige gilt den meisten politischen Kommentatoren nicht als Nachwuchshoffnung, sondern als Verlegenheitskandidat. Auch die politische Konkurrenz versprüht ausschließlich Hohn und Spott über den vermeintlichen Zählkandidaten aus der dritten Reihe.

Immerhin: Bei seinem Antrittsbesuch am Montag im Berliner Willy-Brandt-Haus an der Seite von Parteichef Franz Müntefering machte Schäfer-Gümbel keinen Fehler. Der Mann aus Gießen kann in ganzen Sätzen reden, er kann die sozialdemokratischen Grundwerte buchstabieren und die Eckpunkte des Wahlprogramms in fernsehtauglichen 90 Sekunden auf den Punkt bringen. Und er weiß, wie man zumindest den großen Fettnäpfchen aus dem Weg geht. Das ist schon eine ganze Menge. An diesen Basisanforderungen an Politiker, die hoch hinaus wollen, sind schon prominentere Sozialdemokraten in den vergangenen Monaten gescheitert.

In Hessen hat Schäfer-Gümbel bislang hinter den Kulissen gearbeitet. Landeskorrespondenten beschreiben ihn als "fleißig, intelligent und gewissenhaft". Der aus einfachen Verhältnissen stammende studierte Politologe und Familienvater gilt als einer der Vorbereiter des Wahlerfolgs der SPD und der Niederlage des Christdemokraten Roland Koch vor neun Monaten.

Zumindest Insidern der hessischen Landespolitik galt er deshalb schon vor den Ereignissen der letzten Woche als Mann mit Perspektive. Schäfer-Gümbel zählt zur Parteilinken, aber auch integrative Fähigkeiten werden ihm nachgesagt. Und die werden in der Hessen-SPD in den kommenden Wochen ganz besonders gebraucht werden.