Nicht einmal 48 Stunden konnte Helga Lopez ihre steile These aufrecht halten. Zu heftig waren die Reaktionen, keinen Moment stand das Telefon der Bundestagsabgeordneten still. Lopez hatte am Montag ihrer Heimatzeitung ein Interview gegeben, an dem Tag also, an dem Andrea Ypsilanti ihren Traum begraben musste, Hessens Ministerpräsidentin zu werden. In der Wetzlarer Neuen Zeitung spekulierte Lopez munter über die Motive der Abweichler. Indirekt unterstellte sie Walter, Everts und Tesch, gekauft worden zu sein.

"Ich hätte nicht erwartet, dass die mächtige Energiewirtschaft doch noch siegt", sagte Lopez. Aber "vielleicht" hätten "ja die Silberlinge" gestimmt, die die Abweichler von der Industrie erhielten, rätselte Lopez.

Sie spielte damit auf einen in SPD-Kreisen verbreiteten Verdacht an: Allgemein bekannt ist, dass die hessischen Stromkonzerne und die Betreibergesellschaft des Flughafens Fraport von Ypsilantis revolutionären Plänen vom Öko-Land Hessen alles andere als begeistert waren. Allgemein bekannt ist auch, dass die vier Abweichler als "wirtschaftsnah" gelten, teils gute Kontakte zu den Top-Unternehmen des Landes pflegen.

Am Mittwoch kam dann die Kehrtwende. Frau Lopez ruderte im abgeordnetenwatch.de zurück, einer Internetplattform für Politiker. Ihre "emotionale Äußerung" in der Zeitung sei "nicht gut" gewesen. Sie "bedaure sie" inzwischen.

Frau Lopez selbst will sich zu ihrem Sinneswandel nicht äußern. Einer ihrer Mitarbeiter räumt ein, dass man keine Beweise habe, sagte aber, dass seine Chefin schon immer "Lobbyismus" bekämpft habe. Es gebe da Hinweise, munkelt er mehrdeutig, mehr will er aber offiziell nicht sagen.

Lopez ist kein Einzelfall. Auch Turgut Yüksel, integrationspolitischer Sprecher in Wiesbaden, war am Anfang dieser Woche stinksauer auf seine Fraktionskollegen. Im Interview mit ZEIT ONLINE vermutete Yüksel, dass Roland Koch "seine Finger im Spiel" habe. Andere SPD-Politiker weisen dezent darauf hin, dass Jürgen Walter, der vermeintliche Anführer der Abtrünnigen, mit Kochs früherer Pressesprecherin verheiratet sei. Dass da ein intimer Kontakt in die Staatskanzlei zustande gekommen sein könnte, läge doch nahe.