Man kann Andrea Ypsilanti viel vorwerfen, aber nicht, dass es ihr an Selbstbewusstsein gemangelt hat. Kein anderer Politiker in Deutschland ist in diesem Jahr so hart und scharf kritisiert worden wie sie. Kein anderer wurde so offen angefeindet von der eigenen Bundespartei.

Ypsilanti hielt dem stand, weil sie willensstark und dickköpfig ist, andere sagen: stur und beratungsresistent. Und weil sie sich stets der Loyalität ihres Landesverbandes sicher war. Ihr Generalsekretär, ihre Stellvertreter, die Bezirkschefs – viele von ihnen waren mit Ypsilanti aufgestiegen. Sie hatten sie als linke, fortschrittliche Vorkämpferin unterstützt, wofür sie sich mit Posten revanchiert hatte.

Am Montag dieser Woche platzte nicht nur Ypsilantis Lebenstraum, erste Ministerpräsidentin Hessens zu werden. Sie musste sich darüber hinaus von einem Moment auf den nächsten selbst eingestehen, dass der vermeintlich geschlossene Rückhalt aus ihrer Partei und ihrer Fraktion eine Chimäre war. Vier von vierzig Abgeordneten vertrauen ihr nicht mehr. Sie setzten lieber die eigene Karriere aufs Spiel, als sie zu wählen. Ein solches Misstrauensvotum kann ein Politiker kaum überleben, vor allem, wenn die Parteibasis mehrheitlich ebenfalls das Vertrauen verloren hat – wie es Umfragen belegen .

Bittere Tränen

Deshalb war am Anfang dieser Woche erstmals seit Langem eine andere Ypsilanti zu erleben. Eine, die in der Landesvorstandssitzung am Montag weinte, als sie von ihrem Telefonat mit den Abweichlern berichtete. Bereits am Samstag auf dem Parteitag in Fulda war eine andere Ypsilanti aufgetreten. Eine, die eine ängstliche Rede hielt. Wenige Stunden zuvor hatte sie erfahren, dass ihr alter Rivale Jürgen Walter gegen den Koalitionsvertrag stimmen wollte.