ZEIT ONLINE: Herr Kiefer, beim Masters Cup in Shanghai dürfen nur die besten acht Tennisspieler der Welt spielen – was machen Sie eigentlich hier?

Nicolas Kiefer: Ich bin auch überrascht. Ich war in der letzten Woche im Urlaub, habe zu Hause jeden Tag Golf gespielt. Am Donnerstag erhalte ich plötzlich einen Anruf von der ATP, ob ich als Ersatzspieler nach Shanghai kommen will, es hätten einige abgesagt. Da habe ich erst mal gefragt, ob das ernst gemeint ist.

ZEIT ONLINE: Sie liegen auf Platz 35 des Champions Race, 24 vor ihnen platzierte Spieler wollten den Job als Ersatzspieler nicht übernehmen – warum?

Kiefer: Das frage ich mich auch, das kann ich nicht verstehen. Ich spiele Tennis, weil ich am Ende beim Masters Cup dabei sein will. Dafür quäle ich mich das ganze Jahr. Das ist so, wie wenn Bundestrainer Joachim Löw anruft und fragt: Willst du bei der Weltmeisterschaft als Ersatzspieler dabei sein? Da kannst du doch nicht Nein sagen.

ZEIT ONLINE: Aber Sie sind nach Radek Stepanek sogar nur Ersatz-Ersatzspieler.

Kiefer: Es gibt so viele unmögliche Sachen, die passieren können. Wenn ich es nicht versuche, dann kann ich auch nicht spielen. Ich bin ja kein Hobbytennisspieler, deshalb habe ich gar nicht lange über meine Chancen nachgedacht. Ich habe Flüge gebucht, Visum organisiert, und bin am Samstagmorgen 14 Stunden geflogen. Das war Vollstress, aber ein positiver.

ZEIT ONLINE: Zählt das jetzt neben 1999 als zweite Mastersteilnahme?

Kiefer: Klar, ich wäre lieber wieder als aktiver Spieler dabei, aber das zählt für mich auch als Erfolg. Ich bin bei den besten Spielern der Welt. Das ist für mich eine Anerkennung für meinen Weg. Vor zwei Jahren lag ich im Krankenhaus mit einer Handgelenksverletzung und wusste nicht, ob ich noch Tennis spielen kann oder nicht. Damals hätte ich nie gedacht, dass wir jetzt hier in Shanghai sitzen.

ZEIT ONLINE: Fürs Hiersitzen erhalten Sie 50.000 Dollar.

Kiefer: Das ist schön, aber ich spiele Tennis nicht wegen des Geldes. Ich spiele, weil es mir Spaß macht. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, wer kann das schon von sich behaupten.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie auch die gleichen Annehmlichkeiten wie die acht aktiven Spieler?

Kiefer: Das ist wirklich unglaublich. Jeder hat sein eigenes Auto, seinen eigenen Fahrer. Als ich ins Hotelzimmer hineinkam, prangte mein Name auf dem Kissen. Sogar auf dem Bademantel steht mein Name.