Wenn Dostojewski mit Schuld und Sühne den großen Roman über die Metaphysik des Mordens für das 19. Jahrhundert geschrieben hat, dann entwirft der italienische Autor Massimo Carlotto in seinen Büchern eine Psychologie des Verbrechens für unsere Zeit. Carlotto geht es nicht mehr um eine mögliche philosophische Legitimation des Mordens, und es geht auch nicht mehr um eine mögliche Läuterung des Täters.

Das Böse von allem metaphysischen Tand entkleidet, ist einfach nur noch brutal, sinnlos und – auch das – zuweilen nicht mehr als ein dummer Zufall. 15  Jahre ist es her, dass zwei Räuber den Juwelier einer italienischen Kleinstadt überfallen haben. Vollständig zugekokst und ohne Grund erschießt einer von beiden auf der Flucht einen kleinen Jungen und dessen Mutter. Er wird festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt, sein Komplize entkommt unerkannt.

Nicht die Rekonstruktion des Verbrechens ist es nun, die Carlotto in Die dunkle Unermesslichkeit des Todes interessiert: Ihm geht es darum, was aus denjenigen wird, die in diesen Mordfall verstrickt sind. Der eine, Raffaello, ist zu lebenslanger Haft verurteilt, und der andere, Silvano, hat Frau und Kind verloren – beide sind bis an ihr Lebensende bestraft. Das könnte wie eine Binsenweisheit klingen, indes bekommt es in Carlottos lakonisch scharfkantiger Schilderung eine markerschütternde Wahrhaftigkeit, fern jeder Moral und Emphase.

Silvano hat mit den Schüssen mehr als zwei geliebte Menschen verloren. Alle Erinnerungen, alle Möbel, alle Spielsachen aus seinem alten Leben, hat er in eine Garage gesperrt und das Tor seither nie wieder geöffnet. Behalten hat er nur zwei Fotografien aus dem Leichenschauhaus, der notdürftig zusammengeflickten Körper der Toten. Als wolle er sich dieses unfassbare Ereignis mit aller Tiefenschärfe einbrennen, um es irgendwann begreifen zu können. Auch seinen Weinhandel hat Silvano aufgegeben und arbeitet nun als Schuster in einem Einkaufszentrum vor der Stadt. Eine strenge Monotonie aus frisch besohlten Schuhen, Tiefkühlgerichten und Gameshows bestimmt seine Tage.

Bald wankt dieses fragile Gleichgewicht: Silvano soll über das Gnadengesuch des Mörders seiner Familie entscheiden – eine in Italien durchaus gängige Praxis. Raffaello ist unheilbar an Krebs erkrankt und möchte seine letzten Monate in Freiheit verbringen. Und in Reichtum. Weil er seinen Komplizen nie verraten hat, kann er auf seinen Anteil der Beute hoffen. Stoisch und allenfalls frustriert hat er 15 Jahre in einer Zelle abgesessen und meint sich nun im Recht, zumindest für eine kurze Weile noch das auskosten zu dürfen, was ihm so lange verwehrt war.

Carlotto weiß wie kaum ein anderer Autor, was dieses stumpfsinnige Ausharren bedeutet. Er selbst hat wegen Mordverdacht fünf Jahre im Gefängnis gesessen und war dann weitere sechs Jahre auf der Flucht, bis schließlich ein Gericht seine Unschuld feststellte – und er zum Schriftsteller wurde.